Juli Zeh
Neujahr

Playa Blanca, Lanzarote, Neujahrstag. Henning und Theresa machen mit ihren beiden Kindern Urlaub, haben "eine Scheibe Haus zwischen anderen, die alle gleich aussehen, gemietet", Pauschaltourismus eben.

 

Juli Zeh, Neujahr, Roman, LuchterhandAngst vor der Angst

Er ist Sachbuchlektor, sie Steuerberaterin, beide sind Anfang 40 und emanzipiert. Meint: Kindererziehung und Haushalt teilen sie sich. Für Henning keine leichte Aufgabe, er fühlt sich schnell überfordert, hat hohe Ansprüche an sich selbst. Auch in den Ferien. Außerdem gibt es da ein "ES", vor dem er sich Tag und Nacht fürchtet und das sich hier wieder gemeldet hat – seit Jahren quälen ihn unvermittelte Panikattacken, zum Arzt geht er nicht.
"ES befällt ihn mittlerweile nicht nur nachts, sondern auch am hellichten Tag. Zwischen den Attacken ringt er mit der Angst vor der nächsten Attacke. Abgesehen davon gelingt es ihm nicht, seinen Platz zwischen Job und Kindern zu finden."

Raus aus den Zwängen

In Deutschland ist das Wetter lausig, Schneeregen bei einem Grad plus. Theresa jammert trotzdem, sie klagt gern über das Wetter. Auch wenn sie es nicht böse meint und inzwischen froh ist, dass sie hier sind. Henning muss raus, raus aus den Familienzwängen, rauf auf's Fahrrad, auf den Atalaya-Vulkan:
"Radfahren ist pure Entspannung, beim Radfahren erholt er sich, auf dem Rad ist er mit sich selbst allein. Eine schmale Schneise zwischen Beruf und Familie. Die Kinder sind zwei und vier. … Erster-Erster, er skandiert es innerlich bei jedem Tritt in die Pedale. Der Wind ist stark und bläst von vorn. Die Straße steigt an, Henning kommt nur langsam voran. Er hat das falsche Fahrrad gemietet, die Reifen sind zu dick, der Rahmen zu schwer."
Außerdem hat er weder an Essen noch Trinken noch an passende Kleidung gedacht. Mit Mühe schafft er es bis ins Dorf Femés, es ist wie ausgestorben, aber ein innerer Zwang treibt ihn weiter, er folgt einem Schild zu einer Galerie noch weiter oben, dreht sich noch einmal um:
"Der Anblick ist ein Schock. Femés liegt tief unter ihm. Das wirklich Erschreckende ist aber, dass er kennt, was er sieht. Die Anordnung der Dächer ist ihm vertraut, der Verlauf der Gassen … die kleine Kirche. … Er kennt dieses Dorf genau aus dieser Perspektive."

Seelische Abgründe

Henning hat eine Schwester, Luna, etwas jünger als er, eine Chaotin. Ihrer Hilflosigkeit kann er sich nicht entziehen. Statt sie zu zwingen, ihr eigenes Chaos zu ordnen, hilft er ihr immer wieder, verantwortungsvoller großer Bruder eben. Und hoch oben auf dem Berg trifft Henning nicht nur eine Galeristin, die Steine bemalt – ein weiteres Déja-vu – sondern auch seine Vergangenheit: Sie erzählt ihm von zwei Kindern, die hier halbtot aufgefunden wurden – "Aber was genau passiert ist, konnte ich nicht herausfinden." Henning entdeckt in ihrem Haus buchstäblich seelische Abgründe und erlebt die Geschichte der Kinder noch einmal. Es ist seine Geschichte.

Lebenslange Muster

Spätestens auf Seite 75 beginnt der Roman ein packender Psychothriller zu werden. Auch wenn die Geschichte insgesamt arg konstruiert ist: Die Autorin verfehlt ihr Ziel nicht, von der Bedeutung tief vergrabener Kindheitserinnerungen zu erzählen, die – ans Licht geholt - Traumata sichtbar machen, die einen Menschen lebenslang Muster wiederholen lassen und in einen unentrinnbaren Irrgarten schicken. Denn das ist die Botschaft von Juli Zeh, die sich in ihren Romanen stets gesellschaftskritischen Themen widmet und sie geschickt mit psychischen Defekten moderner Zeitgenossen zu verknüpfen weiß: Kindliche Traumata können uns lebenslang als ungelöste Spannungen begleiten und unbewusst unseren Lebensalltag bestimmen. Eine routiniert geschriebene, spannende Reise in die Tiefen unseres Unterbewusstseins.  
(Christiane Schwalbe)

Juli Zeh *1974 in Bonn, dt. Schriftstellerin und Juristin, lebt im Kreis Havelland/Brandenburg

Juli Zeh "Neujahr"
Roman, Luchterhand Verlag 2018, 192 Seiten, 20 Euro
eBook 15,99 Euro, AudioCD 15,99 Euro

Weitere Buchtipps zu Juli Zeh
"Leere Herzen"
"Unterleuten"
"Corpus Delicti" - Ein Prozess