Helene Hegemann
Bungalow

Longlist Deutscher Buchpreis 2018

Charlie lebt mit ihrer Mutter in einer dieser uniformen Mietskasernen aus Beton, irgendwo in Deutschland, trostlos von außen und trostlos von innen, "ein Demonstrationsobjekt für die Leistungsfähigkeit des Kapitalismus".

 

Helene Hegemann, Bungalow, Roman. Hanser BerlinEin Drecksloch

In dieser "Hochburg des sozialen Wohnungsbaus" wohnen Menschen mit geringem Einkommen in schwierigen Lebensverhältnissen, sozial ausgegrenzt, von Armut bedroht. Sie leben – so die Mutter – "in einem Drecksloch", mit Blick auf  Bungalows, die von oben aussehen "wie Hakenkreuze". Dass Charlie nicht komplett abrutscht, zeugt von einer enormen Willenskraft, die sie eine meist betrunkene, tablettensüchtige, selbstmordgefährdete und schizophrene Mutter aushalten läßt. Als eines Tages das Geld nicht reicht, weil sie es bereits versoffen hat, hungert Charlie tapfer. In den Sommerferien driftet sie immer mehr in die Verwahrlosung:
"Ich heulte und hielt mir die Ohren zu … Ich nahm meine Mutter nicht an der Hand, um sie zurück in die Wohnung zu führen. Ich brachte den Müll nicht nach unten, sondern sah regungslos zu, wie die Flüssigkeit durch das Plastik hindurch auf den Boden tropfte und zu einer Lache wurde. … Der Dreck wurde mir egal, weil ich mir selbst egal wurde … Ich wusste, dass ich mal regelmäßig geduscht hatte, aber nicht mehr, wie das ging."

Familienküche

Trotzdem hält die gerade mal 12jährige Charlie zur Mutter, geht auch nicht mit dem Vater, der sie eines Tages mitnehmen will, passt auf sie auf, schämt sich meist und freut sich, wenn die Mutter mal nicht brutal zu ihr ist, sondern klar, nüchtern und nicht von schizophrenen Schüben heimgesucht wird:
"Heute gab es Hackfleisch in Blätterteig. Ich war glücklich. Diese Performance schien das endgültige Eingeständnis meiner Mutter zu sein, dass sie wusste, was sie mir schuldete. Sie war unberechenbar, aber sie kannte die Standards … paneuropäische Familienküche.
… das Schlimmste war nicht ihre Brutalität. Es waren ihr Jammer und ihre Einsamkeit und dass ich sie nicht hassen konnte, sondern, wenn auch aus einer unüberwindlichen Distanz, lieben musste…"

Erste große Liebe

Charlie nimmt hin, dass die Mutter tagelang im Bett liegt, sie mit einem Messer bedroht, oder sich eben – siehe oben – ausnahmsweise mal ganz "normal" verhält, wenn ein Schulfreund zu Besuch kommt. Sie weiß, dass sie nicht weg kann, der Mutter und ihren Launen ausgeliefert ist, viel zu früh erwachsen werden muss. Weshalb sie sich ein Paar "auskuckt", Schauspieler, die in einen der Bungalows in der Nachbarschaft einziehen, dahin, wo die besseren Leute leben, zumindest die mit Geld. Sie beobachtet die beiden vom Balkon aus, findet sie faszinierend anders, klettert in ihren Garten, sucht ihre Nähe, lässt sich nicht abschütteln.
"Ich fing an, ihnen hinterherzulaufen. Mein vierzehnter Sommer. Ich stellte mich auf den Balkon, wartete, dass einer der beiden den Bungalow verließ. Rannte runter und ihnen nach …"
Sie wird eine Beziehung mit ihnen haben und später, im Rückblick, sagen:
"Ich schreibe das für mich, ich weiß nicht, wer diese Geschichte außer mir zuende lesen soll. Ich habe ihnen meine Seele nicht hinterhergeschmissen, ich habe sie ihnen verkauft … warum ich das getan habe? Weil sie anders waren. So hübsch und alleine und gefährlich wie Wölfe… "
Es ist das, was der Rest der Welt als ihre 'erste große Liebe' bezeichnen würde.

Drastisch und schonungslos

Ein beunruhigendes, radikales Buch, das durch seinen radikalen Ton auffällt. Helene Hegemann springt hin und her - zwischen Wunschtraum und Wirklichkeit, zwischen Assoziation und Realität, die Grenzen verwischen sich. Ihr Stil ist drastisch, durchgeknallt und schonungslos offen, sie beschreibt in einem Atemzug Dreck, soziales Elend und Obszönitäten ebenso detailliert und kaltschnäuzig wie ihre verzweifelte Suche nach Autonomie und die grenzenlose Sehnsucht nach Liebe und Familie. Ihr gelingt ein schillerndes Psychogramm verlorener und kaputter Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben. Das klingt abgebrüht, zynisch, resigniert - und immer wieder tieftraurig und bedürftig. Das "Drecksloch" ist Metapher für das Leben in einer Welt, die keine Sicherheit mehr bietet. 
(Christiane Schwalbe)

Helene Hegemann, *1992 in Freiburg/Breisgau, deutsche Autorin, Regisseurin und Schauspielerin, lebt in Berlin

Helene Hegemann "Bungalow"
Roman, Hanser Berlin 2018, 288 Seiten, 23 Euro
eBook 16,99 Euro