Neue Bcher

Christoph Hein
Weiskerns Nachlass

Er hat keinen Grund, besonders stolz zu sein, und schon gar nicht ist er ein Burgherr: Dr. Rüdiger Stolzenburg, der (Anti-)Held aus Christoph Heins neuem Buch, ist ein typischer Vertreter des akademischen Prekariats. Er ist die Hauptfigur in einem Narrenstück, einem Roman ohne Anfang und Ende, der sich im Kreis dreht wie das Hamsterrad im Leben seines Protagonisten. Oder wie das Windrädchen, das ihm – sinnigerweise - ein brüllendes Kleinkind vor die Nase wirft.

 

CHRISTOPH HEIN, Weiskerns Nachlass, Roman, Suhrkamp VerlagAkademisches Prekariat

Eine halbe Stelle im Institut für Kulturwissenschaften, die Karriereaussichten mehr als mau, hier und da ein Vortragshonorar und privat bequem-unverbindliche Techtelmechtel: Im Alter von 59 Jahren ist Stolzenburgs Leben irgendwie nichts Halbes und nichts Ganzes. Ein wenig Farbe bringt ihm sein wissenschaftliches Steckenpferd, die Forschung über den Mozart-Librettisten Weiskern. Schon lange plant er eine Gesamtausgabe, aber der einzig infrage kommende Verleger scheut das finanzielle Risiko.

Schwung im Hamsterrad

Und dann kommt es ganz dicke in Rüdiger Stolzenburgs prekärer Existenz. Er wird überfallen, das Finanzamt bedrängt ihn mit einer astronomisch hohen Steuernachforderung, seine ihm kaum bekannte Tochter will Geld von ihm, seine neueste Flamme zieht sich zurück. Vor allem aber dies: Man bietet ihm per e-Mail nachgelassene (und teure!) Autographen an, unentdeckte Handschriften seines verehrten Weiskern. All das löst (kriminelle) Turbulenzen in Stolzenburgs Leben aus, die das Hamsterrad gehörig in Schwung bringen.

Feine Tragikomödie

Und wenn Christoph Hein nicht mit diesem feinen, komischen Ernst erzählen würde, der dem Leser so unmerklich wie stetig die Mundwinkel in die Höhe zieht, dann hätte man Rüdiger Stolzenburgs Bemühungen wahrhaftig für eine Tragödie halten können. Traurig, traurig, wie gut gebildete Akademiker heute ihr Leben fristen müssen ...
Aber wie sagt man so schön? Wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung. Mit garantiert hohem Wiedererkennungswert.
(Gabi von Alemann)

Christoph Hein * 1944 in Schlesien, Dramaturg, Schriftsteller (Schauspiele, Romane), Übersetzer

Christoph Hein "Weiskerns Nachlass"
Suhrkamp Verlag 2011, 319 Seiten, 24,90 Euro, Taschenbuch (2012) 9,99 Euro

Zusätzliche Informationen