Irina Liebmann
In Berlin

Berlin zu Beginn der Neunziger Jahre: Vertraute und ungeliebte Koordinatensysteme lösten sich auf, und die Hoffnung, etwas Neues zu erschaffen, war groß und lebendig. Irina Liebmann, freie Schriftstellerin seit 1975, beschloss schon 1988, aus Ostberlin in den Westen zu gehen:
"…bald würden sich unerhörte Dinge ereignen, alles wird anders werden. Wer jetzt mit der Zeit mitschreibt, der wird Wesentliches erzählen können."

 

Irina Liebmann, In Berlin, Roman, SchoefflingSeelische Landschaften

Welch ein Wagnis, sich heute wieder mit dem Roman zu konfrontieren, der damals entstand - Irina Liebmann geht es ein, und in ihrem Nachwort beschreibt sie schmerzvoll und genau, wie die Hauptfigur, die ihren Namen trägt, sich in der "neuen" Zeit verirrt, wie sie versucht, ihre Wirklichkeit in Bildern festzuhalten und erkennen muss, in welcher Illusion sie gelebt hat. Doch auch wenn das, was sie schrieb, mit der behaupteten Wirklichkeit nicht übereinstimmen konnte, ist der Ertrag dieses Buchs, das der Schöffling Verlag als ersten Band einer Gesamtausgabe der Werke dieser großartigen Erzählerin herausgibt, reich: Alles wollte sie aufnehmen, was auf sie zukam, die Gegenwart in Standbildern der Außenwelt fixieren – doch was ihr gelang, war das Vermessen einer seelischen Landschaft, vergleichbar eher mit Lyrik, die eine Sprache für den Augenblick entwickelt, in langen, schwebenden Sätzen, etwa wenn die S-Bahn quer durch Berlin wie ein Kriegsschiff oder ein Flugzeugträger in der Steppe erscheint:

"mit der alten Frau, die einem Kind die Zunge herausstreckt
mit der alten Frau, die die Lippen zusammenkneift
mit der alten Frau, die ihren Mann fester an der Hand fasst
mit dem dunkelhäutigen Kind, das plötzlich stehenbleibt
mit dem hellhäutigen Kind, das auch stehenbleibt
mit den Hunden, die vorbeilaufen …
mit dem Busfahrer, der sich fragt, wo er hinfahren würde, wenn er jetzt wieder jung
wäre, und es wäre noch sehr, sehr früh am Morgen."


Verloren streift "die Liebmann" durch die Stadt, Ost und West überblenden sich und bleiben doch getrennt und nicht nur in ihren Außenhäuten unterschieden. Allmählich erkennt man, was die scheinbar ziellose Wanderbewegung unterfüttert und antreibt: eine große Liebe, die hin und wieder zu Begegnungen führt, - manchmal bleibt er, der Filmkritiker aus dem Westteil der Stadt, und an gewöhnlichen Abend ist sie allein.
"Schluß, aus jetzt, sie nimmt nicht mehr ab, wenn er anruft, will ihn nicht mehr sehen, da kommt er. Er steht vor der Tür. Kann Liebe verlorengehen? Nein."
Ebenso wie sich diese Liebesgeschichte zwischen die Bilder schiebt und sie in unwillkürliche Bewegung versetzt, tauchen auch Erinnerungen auf, an den Vater, der auch mal in Westberlin wohnte, sich früh für die DDR entschied und einen hohen Preis dafür bezahlte – doch diese Geschichte erzählt die Autorin in einem anderen Buch, für das sie 2008 den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt.

Gescheiterte Hoffnungen

Hier wird sie zum Erinnerungsbild an eine Kindheit, an Behausungen, Freunde, Nachbarn – Kindheit verweht. So flüchtig die Eindrücke erscheinen, bleibt doch das Lebensgefühl, als sich das Chaos der Menschen bemächtigte, und die bittere Erkenntnis, dass die Verluste und Verletzungen nicht geheilt sind. Der wahre Kern der damals entstehenden Wirklichkeit, den die politisierte Künstlergeneration der Achtziger Jahre zu finden hoffte, löste sich auf im Scheitern, im Nicht-Gelingen. Irina Liebmanns Beschwörung dieser Jahre ist wichtig, denn das Scheitern dieser Hoffnungen zu begreifen, ist heute wichtiger denn je.
(Lore Kleinert)

Irina Liebmann, *1943 in Moskau, 1945 Umzug mit den Eltern nach Ost-Berlin, ab 1975 freie Schriftstellerin, wohnt seit 1988 in West-Berlin, sie hat mehrere Literaturpreise bekommen

Irina Liebmann "In Berlin"
Roman, Schöffling & Co 2018, 176 Seiten, 20 Euro
eBook 15,99 Euro