Eckhart Nickel
Hysteria

"Mit den Himbeeren stimmt etwas nicht" denkt Bergheim, als er auf dem Markt eine Schale davon kauft, und mit diesem Satz beginnt ein Roman, der uns das Fürchten lehren kann. Ökofundamentalisten der Bewegung "Spurenloses Lebens" halten den Menschen für den Ursprung allen Übels.

 

Eckhart Nickel, Hysteria, Piper-VerlagWeinender Salat

In ihren zehn Geboten heißt es an erster Stelle:
"Die Existenz der Menschen auf der Erde ist ein biologischer Zufall und steht der uneingeschränkten Entfaltung der Natur nur im Weg." Meint also, der Mensch muss weg, darf sich, solange er noch lebt, nur noch in bestimmten Zonen aufhalten und Nahrung nur aus Resten zusammensuchen, die Pflanzen abgestoßen haben – Fallobst, lose Blätter, herabgefallene Blüten. … "Ich weiß nicht, ob mein Salat wirklich weint, wenn ich mit der Gabel in ihm herumstochere… "

Chronisch dünnhäutig

Aber von diesen Geboten erfährt Bergheim, dem auch die Brombeeren nicht 'echt' schmecken, erst später, und als er ein Rind beobachtet, das sich am Zaun wund schubbert, sieht er statt Blut eine merkwürdig graue Masse, "die verdorbener Hähnchenbrust in Zellophan ähnelte". Nicht nur mit dem Himbeeren stimmt etwas nicht, ganz offensichtlich ist vieles nicht mehr so, wie es sein soll. Bergheim macht sich auf die Suche nach der Kooperative, die die Himbeeren produziert hat und den bemerkenswerten Namen "Sommerfrische" trägt. Von Natur aus ein hypersensibler Mensch mit "chronischer Dünnhäutigkeit" hat er ausgeprägte Antennen für unnatürliche Dinge und Ereignisse und wird misstrauisch. Sein Instinkt warnt ihn zwar, aber er lässt sich nicht abhalten und stößt auf ein merkwürdiges kulinarisches Forschungsinstitut, in dem er nicht nur seine frühere Kommilitonin Charlotte trifft, sondern auch ins lebensgefährliche Karussell von Forschern gerät, die die Wirklichkeit gerade neu erfinden wollen.

Kranke Gesellschaft

"Hysteria" heißt der Roman, der es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat, aber wer meint, hier würden die neurotischen Leiden hysterischer Frauen aufgeblättert, die Anfang des 20 Jahrhunderts als "dissoziative Störung" Sigmund Freud und Josef Breuer interessierten und zur "Studie über Hysterie" führten, der irrt sich. Gleichwohl: Vielleicht wollte der Autor sogar diese dissoziative Störung auf die Gesellschaft an sich übertragen, die dringend der Erneuerung und Rückführung zur Natur bedarf, einer tiefgreifenden Therapie also. Was letztlich auch der Staat bereits im Auge hat, denn es regiert eine "Naturpartei", Alkohol und Koffein sind verboten, man fühlt sich bedingungsloser Nachhaltigkeit verpflichtet.

Abgefahrene Geschichte

Es ist nicht immer klar, wo wir uns gerade im Roman befinden, denn Nickel springt hin und her: Aus der Vergangenheit Bergheims – Studienzeit, WG, Liebschaft mit Charlotte – in die Zukunft dystopischer Horrorvisionen, wie sie im besagten Institut gepflegt werden, und zurück in die Gegenwart der Himbeeren auf dem Markt, die so künstlich sind wie alles, was in diesem Institut erforscht und erzeugt wird. Das ist eine ziemlich abgefahrene Geschichte, durchaus spannend zu lesen und so vielseitig deutbar, dass sie sowohl Ökofreaks, Fruktariern und Biofanatikern als auch Nachhaltigkeitsbeschwörern und Kritikern einer Gesellschaft, in der jede Menschlichkeit verloren zu gehen droht, den satirischen Spiegel vor die Nase hält.

Finales Drama

Bergheim zumindest überlebt zwar das finale und ziemlich unappetitliche Drama im Forschungsinstitut, aber ob der hypersensibilisierte Mann in die reale Welt zurückfindet, bleibt Geheimnis des Autors. Der ist übrigens als Popliterat und Freund ungewöhnlicher Publikationen bekannt. Mit Christian Kracht zusammen gab er "Der Freund" heraus, Sitz der Redaktion war Kathmandu in Nepal.
(Christiane Schwalbe)

Eckhart Nickel, *1966 in Frankfurt/Main, wo er auch wieder lebt, ist Journalist

Eckhart Nickel "Hysteria"
Roman, Piper Verlag 2018, 240 Seiten, 22 Euro
eBook 19,99 Euro