Wolf Wondratschek
Selbstbild mit russischem Klavier

"Seinen Ohren konnte er nichts vormachen", der Ohrenmensch Igor Suvorin, der einst ein berühmter Pianist war. In Gesprächen im Wiener Kaffeehaus und der Pizzeria La Gondola lässt er diese Zeiten der Fülle und des Zweifels wieder aufleben.

 

Wolf Wondratschek, Selbstbild mit russischem Klavier, UllsteinGroße Lügen

Wolf Wondratschek hat ihm einen guten Zuhörer erschaffen, einen Schriftsteller wie er selbst einer ist, mit besten Ohren und Augen, mit wachem Interesse und sogar der Gabe, den Russen, selbst nachdem er ihn lange nicht mehr traf, wieder heraufzubeschwören: "Ein Traum in der Geschwindigkeit eines ausrollenden Rades, ohne Musik, ohne ein Wort über Musik, kein Klavier, weit und breit keines," und Suvorin holt zu seiner letzten und gründlichsten Abrechnung mit seinem Land, der untergegangenen Sowjetunion aus.
"Sie haben Lügen auf dem Gewissen, große vaterländische Lügen, die Lügen vom Frieden und Krieg. Sie haben den Tod zu ihrem Verbündeten erklärt, Menschen durch Schüsse ins Genick erledigt, langsam zu Tode geprügelt, noch langsamer durch Zwangsarbeit hingerichtet. Es schrie durch die Opfer hindurch, ein Orchester spielte, ein Bissen Brot als Gage, ein Aufschub vor auch ihrer Vernichtung."

Liebe zur Musik

Wie ein musikalisches Thema zieht sich die Geschichte seines Landes durch die Erinnerungen des Pianisten hindurch und grundiert die heiteren und die schrecklichen Begebenheiten, die dann doch vor allem der Musik gelten. Dass er den Applaus nicht mehr ertrug, schließlich nur noch für die Jungen spielen wollte, sich der offiziellen Kulturpolitik in den Weg stellte und dem Verbotenen, Unerwünschten zuwandte und irgendwann sein Land verließ – all das verschmilzt Wolf Wondratschek in schwebenden, höchst musikalischen Sätzen zu einem Lebensgefühl, das von großer Liebe zur Musik, zur Kunst geprägt ist. Unmerklich gehen die Erinnerungen des Ich-Erzählers in die des Pianisten über, verbinden sich zu einem einzigartigen Klang, der zugleich klug und kundig mit der Möglichkeit der Musik spielt, die Zeit außer Kraft zu setzen. Der kurze Weg vom Staatskünstler zum Staatsfeind ist dabei ebenso ein Thema wie der Wert der Konkurrenz und der Perfektion:
"Was denken Sie, was das ist, Perfektion für einen ausübenden Musiker? Ist sie wichtig? Ist sie möglich? Wie wertvoll ist sie? Macht sie alles gut, oder zerstört sie das Beste, das Kostbarste?"

Fußgänger oder Schwebende

Als weitere Stimme im Konzert fügt Wondratschek die des meist schlecht gelaunten Cellisten Heinrich Schiff hinzu, mit dem Suvorin Billard an seinem riesigen Tisch in der riesigen Wohnung spielte und ihn ein wenig beneidete. Er erinnert im Gespräch mit dem Schriftsteller an ihn als einen Mann, der sich in seinem Körper nicht heimisch fühlte, "eisumschlossen" und in "Abwehr gegen Nähe und Berührung". Zugleich ergänzt die Perspektive dieses Mannes, der von sich sagt, in ihm "übe der Tod", herrliche Facetten zur Komposition des Romans, und man spürt, dass Wondratschek ihn gut kannte:
"Es gibt Dirigenten, bei denen man wie auf Luft liegt, bei anderen liegt man auf Steinen. Es gibt Fußgänger und Schwebende. Das ist das Schicksal."
Wolf Wondratschek belässt seinen Helden der Erinnerung ihre Geheimnisse, begleitet sie leichtfüßig und mitunter ironisch, nach Odessa, nach San Remo, zu den Toten und in die neuen Labyrinthe der Zahlen und Zeichen in den Bildschirmen. Was fehlt und sich nicht in Worte fassen lässt, weiß er: der eine perfekte Moment, das Kostbarste für einen Musiker. Damit ist es dem Schriftsteller möglich, den Abstand, den seine Figuren brauchen, zu wahren und ihnen den Raum zu gewähren, der die Wörter zum Klingen bringt und der Rätsel bedarf:
"Alle Entfernungen zusammengefasst in der Zeile eines Gedichts, alle Räume eingeschmolzen in Rätsel."
Wondratschek ist ein geistreicher und zarter Künstlerroman gelungen, den er zum Glück – anders als sein einem einzigen Mäzen übereignetes "Selbstbild mit Ratte" – allen Lesern geschenkt hat.
(Lore Kleinert)

Wolf Wondratschek, *1943, aufgewachsen in Karlsruhe, deutscher Schriftsateller und Autor vieler Romane, Hörspiele, Gedichte, Prosa- und Liedtexte, lebt in München und Wien

Wolf Wondratschek "Selbstbild mit russischem Klavier"
Roman, Ullstein 2018, 272 Seiten, 22 Euro
eBook 18,99 Euro