Elisabeth Plessen
Die Unerwünschte

"Kinder, vor allem Töchter, waren Gänse, die zu stopfen waren und zu gehorchen hatten."
"Young ladies are to be seen and to be looked at, but never to be heard."

 

Elisabeth Plessen, Die Unerwünschte. Roman, Berlin-VerlagMänner setzen die Grenzen

Vier Töchter bringt Stefanie auf die Welt, nachdem sie, die als Krankenschwester während des Krieges von einem anderen Lebensentwurf träumte, in die "Welt der Verbote" auf dem Gut ihrer Eltern zurückkehrt; sie fügt sich in das Verbot ihres Bruders Hugo, den Mann zu heiraten, den sie liebt, und ein lediger Regimentskamerad des Vetters ihrer Schwägerin Ingrid, von Adel natürlich, ist rasch gefunden. Immer sind es die Männer – Väter, Brüder – die die Grenzen bestimmen, sei es die Aufteilung des elterlichen Gutshofs, sei es die Art, wer zu heiraten, wie zu leben sei. Die Frauen fügen sich nach dem Krieg als stabile Bausteine von Machterhaltung und Lieblosigkeit ins vorgegebene System ein, und sie zahlen einen hohen Preis.
"Stefanie hing weiter an Hugo, so als wäre nichts vorgefallen, als hätte es keinen Hieb gegen sie gegeben, keine tiefe Verletzung, kein Attentat, es war, als müsse sie, den Gesetzen einer geheimen Verpflichtung treu ergeben, mit dem Bösen allzu friedlich koexistieren … großzügig auch der eigenen Blindheit gegenüber."

Blick nach innen

Wie Stefanie und Ingrid, Stefanies Jugendfreundin und spätere Schwägerin, auf den aufgeteilten Landsitzen nebeneinander her leben und in ihren großen Familien vereinsamen, wie aus dem Abstand der Konvention schließlich ein Abgrund wird, der Freundschaft und mitmenschlichen Kontakt verhindert, beschreibt Elisabeth Plessen mit scharfem, traurigem Blick auf diese weit verzweigte, holsteinische Familie des Hochadels. Frauen und auch Männer erleben auf sehr unterschiedliche Weise den Zerfall ihres Wertesystems und auch ihrer als sicher verbuchten ökonomischen Grundlagen. Als junge Frau schrieb Plessen "Mitteilungen an den Adel", ein Buch, das ihre Familie als skandalös verdammte, und jetzt, vierzig Jahre später, lotet sie die "Gewohnheiten unserer Großfamilien auf dem Land", die "fließenden Verhältnisse" noch einmal mit Blick auf die Folgen für die Töchter und Enkelinnen aus.
"Da saßen sie nun in ihren Häusern, launische Menschen, die nur daran dachten, sich zu erhalten, und, voneinander abgegrenzt, lebten wie mit einer unheilbaren, in alle Zukunft fortdauernden Familienkrankheit, die sie aber doch alle miteinander verband. Ihr Blick war nach innen, auf die geliebte, gehasste Familienflut gerichtet, auf den brodelnden Topf in ihrer Mitte, in dem jeder von ihnen einzeln durchgekocht wurde, dann zerkaut, verlacht, für dumm verkauft."

Gehorsam verweigern

Ingrids älteste Tochter Charlotte rückt beim Bemühen, sich aus der "Familienkrankheit" zu befreien, in den Fokus. Während einer viel späteren Reise mit Stefanies Enkelin Alma und ihrem Mann berichtet sie von den Mühen dieses Wegs zu sich selbst, was dem Roman einen lose verknüpften Rahmen bietet: am Anfang stand, wie bei so vielen ihrer Generation, das Entsetzen über die Taten der Vätergeneration und das Schweigen auch der Mütter. Selbst zum bedrückenden, demütigenden Schweigen erzogen, musste sie lernen, den anerzogenen Gehorsam zu verweigern und die Sprache zurückerobern:
"Verschlossene, abgemagerte, ausgemergelte Sprache…Dieser Sprache, und also mir, wollte ich auf den Grund gehen und sollte ich es schaffen, ohne mich umzubringen, wie Sprungsteine in einem Fluss mehr und mehr Wörter, für mich neue, begehbare, tragende Spielsteine, in Umlauf bringen."

Sturheit und Trotz

Die Schriftstellerin und Übersetzerin Plessen verarbeitet hier sicher in besonderem Maße ihre eigenen Erfahrungen, denn diese Erinnerungen Charlottes gehören zu den funkelndsten und lebendigsten Passagen dieses an dichten Seelenerkundungen reichen Romans, der mitunter allzu vielen Familienmitgliedern gerecht werden will. Wie schwer der Prozess ist, sich Empfindungsfähigkeit zurückzuerobern, wenn es in der Kindheit keine Zärtlichkeit und Nähe gab, beschreibt Plessen mit großer Feinfühligkeit.
"Die Welt war ein großer Haufen Puzzleteile, und keins dieser Stückchen passte zum anderen. Panik und Chaos, Sturheit und Trotz. Daraus bestand ich. Da wird man schnell verdächtig, und zu fragen, was richtig sei, oder um Hilfe zu bitten war tabu. Das Richtige war einem vorgekaut worden, und man musste gehorchen."

Schonungsloser Blick

In klarer Sprache und eleganten Bögen verbindet sie immer wieder das Erleben der beiden Mütter, Stefanie und Ingrid, mit den Nachwehen des Zerfalls ihrer Adelswelt. Während die eine nach dem tödlichen Unfall ihrer Tochter Rosa, der Scheidung von ihrem Mann und der Aufgabe der Landwirtschaft Bruchstücke ihrer Eigenständigkeit wiederentdeckt und den Blick auf sich selbst ebenso wie die Kritik ihrer Töchter zulässt, nimmt Ingrids Selbstbezogenheit im Alter zu. Nur im Verdämmern und Vergessen findet sie Ruhe, denn das sicher geglaubte Erbe wurde vom Sohn verschleudert.
"Anspruch, Urteil, Auftrittssicherheit bestimmen sie auch jetzt noch, konstatiert Laura, auch in dem nunmehr milchigen Umfeld. Der Rest ist Objekt. Auch ich."
Plessens Blick auf die Lieblosigkeit und Verhärtung der Kriegsgeneration ist schonungslos, berücksichtigt jedoch immer auch die engen Spielräume, die diese Frauen nutzen oder ignorieren konnten. Erst mit dem Verlust ihrer Privilegien – des selbstverständlichen Reichtums, der schönen Güter, der Alleen, der Reitpferde und Kutschen – wurde der Zugang zur Welt größer. Und aus dem Bewusstsein eines Mangels an Wärme konnte für die Töchter zumindest die Sehnsucht nach Liebe erwachsen, die einen Weg ins Offene, in die Freiheit eigener Entscheidungen wies.
(Lore Kleinert)

Elisabeth Plessen, *1944 in Neustadt/Holstein, deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin von Theaterstücken, lebt in Berlin

Elisabeth Plessen "Die Unerwünschte"
Roman, Berlin Verlag 2019, 384 Seiten, 22 Euro
eBook 19,99 Euro