Marko Dinić
Die guten Tage

Im "Gastarbeiterexpress" von Wien nach Belgrad sitzt Švabo, der Ich-Erzähler des Romans, um nach zehn Jahren in seine alte Heimat Belgrad zu fahren, zur Beerdigung der geliebten Oma, die ihm damals die Flucht nach Wien ermöglicht hatte. Er ist sehr gespannt, wie ihn seine Familie und vor allem der verhasste Vater aufnehmen werden – es wird eine Reise in seine Vergangenheit.

 

Marko Dinic, Die letzten Tage, Zsolnay Verlag, RezensionBlick in die Vergangenheit

Auf der Fahrt durch das nächtliche Ungarn im engen Express-Bus, einem "Bus in der Einöde als Abziehbild des ehemaligen Jugoslawien" sitzt er eingepfercht neben einem schwitzenden und unangenehm riechenden Elektriker und Möchte-gern-Schriftsteller, der – aufgeblasen und wichtigtuerisch - ununterbrochen auf ihn einredet und sich mit der Vergangenheit des alten Tito-Jugoslawiens und speziell Serbiens auseinandersetzt - so beginnt der erste Erzählstrang des Romans.
"Ich schreibe an einem Buch über den Balkan, seine Bewohner ... Alles vor dem Hintergrund der großen Schweinerei der Neunziger. Ein Komplex, der viele Themen durch Fallbeispiele vereinen soll: Opfer, Täter, Korruption, Sitte, Mentalität, Geschichte, Sozialismus, Nationalismus - Stolz, Ehre, Männlichkeit."

Kollektives Trauma

Und genau das sind die Themen des Romans, in dem Marko Dinić den Ich-Erzähler als seinen autobiographischen Protagonisten auftreten lässt, der sich in einem zweiten Erzählstrang an seine Jugend und Gymnasialzeit erinnert. Als Elfjähriger muss er erleben, wie die ersten NATO-Bomben über Belgrad abgeworfen werden. Der Jugendliche haust in einem tristen, verwahrlosten Vorstadtviertel Belgrads, zusammen mit seinem gewalttätigen und nationalistischen Vater, sadistischen Lehrern und Kameraden - zwischen Alkohol, Tabak, Drogen und Kleinkriminalität. Dennoch schafft er es, das Gymnasium mit dem Abitur abzuschließen.
"Der ganze Balkan litt unter diesen falschen Vätern, die den Krieg mit nach Hause gebracht und das persönliche Trauma zu einem kollektiven gemacht hatten. Besonders meine Generation litt darunter, die sich erst sehr spät wehren oder wie ich davonrennen konnte."
Er folgt dem Rat seiner Großmutter, die ihn auch finanziell unterstützt, und flüchtet nach Wien, um als Emigrant erst auf dem Bau, dann jahrelang in einer Hotelbar zu arbeiten, ohne sich wirklich heimisch zu fühlen.

Bittere Erkenntnis

Marko Dinić beschreibt auf hohem sprachlichen Niveau kraftvoll und in zum Teil drastischem Gassenjargon den tiefen Zorn dieser jungen, traumatisierten Generation auf ihre Väter, die sie um ihre Jugend betrogen haben. Sie leiden unter einem Gefühl der Heimatlosigkeit und suchen nach Identität und Zugehörigkeit. Den Lesern schildert der Autor mit Wut und Empathie die tiefgreifenden politischen Veränderungen, die Kriegswirren der Balkankriege und die zerrütteten Lebensverhältnisse in der alten, brüchigen Vielvölkergemeinschaft Jugoslawien. Für sich selbst kommt Švabo zu der bitteren Erkenntnis:
"Ich aber hatte niemanden, ich war erneut in dieser sogenannten Heimat gestrandet, die sich nach zehn Jahren wie der gottverlassene Mars anfühlte: Wo um alles in der Welt war ich gelandet? ... Ich öffnete die Augen. War nirgends angekommen."
Ein illusionsloser, bitterer Roman über den Versuch, die eigene Vergangenheit zu bewältigen, und über die erfolglose Suche nach Heimat in der Fremde.
(Peter Ehrenfried)

Marko Dinić, *1988 in Wien, verbrachte seine Kindheit und Jugend in Belgrad, studierte ab 2008 Germanistik und Jüdische Kulturgeschichte in Salzburg, lebt in Österreich

Marko Dinić "Die guten Tage"
Paul Zsolnay Verlag 2018, 240 Seiten, 22 Euro
eBook 16,99 Euro