Daniela Krien
Die Liebe im Ernstfall

Ludger und Paula – ein schönes Paar, eine ideale Verbindung, eine glückliche Beziehung. Stimmt – auf den ersten Blick. Paula ist Buchhändlerin, Ludger ein Architekt mit Karriereambitionen. Sie beziehen ein Loft, das ihm mehr gefällt als ihr. Aber aus Liebe zu ihm macht sie mit.

 

Daniela Krien, Die Liebe im Ernstfall. Roman. DiogenesNicht ohne Männer

Vorher hat sie mit Judith zusammengewohnt, eine tiefe Freundschaft verbindet sie mit der Ärztin, die es gut ohne Beziehung aushält, aber nicht ohne Männer. Die findet sie im Internet – Partnerschaftsbörsen gibt es genug und auch Männer, die Lust auf eine schnelle Nacht haben. Außerdem gehört ihr Herz sowieso mehr ihren Pferden. Judith ist eine vielbeschäftigte Ärztin. Als sie schwanger ist von einem Mann, der ihr unerwarteterweise  viel bedeutet, entscheidet sie sich gegen das Kind, ohne ihn zu fragen. Paula und Judith kennen sich seit Kindertagen in der DDR. Sie sind dort aufgewachsen.

WG mit Kind

Wie Brida, ebenfalls eine Freundin von Judith, die hin- und hergerissen ist zwischen Familie und ihrer Berufung zur Schriftstellerin. Eins von beiden sorgt stets für ein schlechtes Gewissen. Verheiratet ist sie mit Götz, der ihretwegen Malika verlassen hat, und bekommt zwei Kinder mit ihm. Auch diese Beziehung übersteht den "Ernstfall" nicht.
"Die Freiheit war immer nur eine scheinbare gewesen, zeitlich begrenzt. Wie eine Süßigkeit, von der sie hatte kosten dürfen, bevor sie ihr endgültig genommen wurde. Für Generationen von Frauen vor ihr waren die Wege vorgezeichneter und enger gewesen. Sie kamen ihr plötzlich glücklicher vor."
Bleiben Malika und Jorinde, zwei Schwestern, denen der verbitterte Vater in die Suppe spuckt, als sie eine Wohngemeinschaft mit Kind gründen wollen und einen Bürgen brauchen. Denn Jorinde steht vor der Scheidung – und ist wieder schwanger.

Ähnliche Muster

Daniela Krien, selbst alleinerziehende Mutter, verknüpft die fünf Frauengeschichten vielfach und überraschend, erzählt sie als prägnante Charakterstudien, die ähnlichen Mustern folgen: Große Liebe, Heirat, Kinder, Harmonie und Familienglück – bis einer von beiden entdeckt, dass da etwas fehlt, dass der Partner nicht die zweite Hälfte der eigenen Person sein kann, dass es mehr im Leben gibt als traute Zweisamkeit und Kinder.
"Sie lud regelmäßig Gäste ein, damit Leben ins Haus kam. Den Haushalt hielt sie in Ordnung, die Kleider gebügelt, und die Pflanzen auf dem Balkon wuchsen und gediehen. Am Abend saß sie wie ausgeschaltet am Esstisch, den Blick auf die Maserung des Holzes gerichtet."

Blick in die Vergangenheit

Die Liebe im Ernstfall, das ist die Krise, die tiefe Verstimmung, die Kränkung, betrogen worden zu sein, im Stich gelassen, allein. Bei Paula ist es der plötzliche Kindstod der jüngsten Tochter, bei Brida der Ehrgeiz als Autorin, bei Judith der hohe Anspruch an Männer, der die Liebe zerstört. Und Malika und Jorinde sind verstört und enttäuscht, weil sich Beziehungsversprechen als Illusion erwiesen haben. Und bei ihnen blitzt auch das Thema DDR konkreter auf, das sonst eher im Hintergrund mitschwingt. Die Eltern trauern der sozialistischen Vergangenheit nach:
"Das war keine friedliche Revolution, … das war eine kapitalistische Restauration. Das Volks hat seine Seele an den Konsum verkauft, und keiner hat es davor bewahrt." Ob ostdeutsch oder westdeutsch sozialisiert, immer sind es auch die gesellschaftlichen Bedingungen, die es dem einen wie der anderen schwer machen, Freiheit und Gemeinsamkeit zu leben, gegenseitige Veränderungen zuzulassen und den Ernstfall halbwegs unbeschadet zu überstehen.

Kampf umd Freiheit

Enttäuschte Gefühle, verlorene Träume, persönliche Verletzungen, tiefe Trauer und der harte Kampf um innere Stabilität und Selbstbewusstsein, wenn es gilt, die Scherben einer Beziehung einzusammeln und sich um das zu kümmern, was bleibt. Das beschreibt die Autorin intensiv, mitfühlend und nachvollziehbar, auch provozierend, weil sie die Stärke dieser Frauen zwischen dreißig und vierzig in den Vordergrund rückt. Die Männer bleiben blasse Randfiguren in diesem Roman, der immer wieder nur einen Kampf beschreibt: den um die eigene Freiheit und die eigene Rolle im Leben.
"Liebe ist kein Gefühl.
Liebe ist keine Romantik.
Liebe ist eine Tat.
Man muss die Liebe vom Ernstfall aus betrachten."

(Christiane Schwalbe)

Daniela Krien, *1975 in Mecklenburg-Vorpommern,Kulturwissenschaftlerin, Drehbuchautorin, lebt in Leipzig

Daniela Krien "Die Liebe im Ernstfall"
Roman, Diogenes 2019, 288 Seiten, 22 Euro
ebook 18,99 Euro
AudioCD 19,39 Euro