Neue Bcher

Manuela Reichart
Zehn Minuten und ein ganzes Leben

Ein kleines Buch über ein ganzes Leben – über eine sterbende Frau und das, was ihr durch den Sinn weht, und am Ende der letzte Tänzer, der Tod. In 70 Miniaturen lässt die Autorin Manuela Reichart Bilder dieses Lebens entstehen, doch diese Bilder sind weitaus mehr als flächige Momentaufnahmen. Viel eher beschreiben Rilkes schöne Zeilen die Annäherung an das Leben dieser Frau: "Nun wachen wir mit den Erinnerungen/ und halten das Gesicht an das, was war".

Buchtipp Manuela Reichart, Zehn Minuten und ein ganzes Leben, S.FischerNähe

Wer das Gesicht an das hält, was wichtig war, muss Nähe wagen, Schmerz und Wärme ertragen können und dennoch genügend Abstand wahren, um genau zu sehen. Etwa wenn die Frau aus der Begeisterung ihres Ehemanns über einen schwingenden Glockenrock Schlüsse zieht:
"Sie hat lange darauf gewartet. Mehr als zwei Jahrzehnte lag sie auf der Lauer. Sie ist nicht überrascht. Ihr alter Ehemann hat sich in eine junge Frau verliebt. Er muss nichts erklären, sie sieht den Glanz in seinen Augen. Sie ist nicht gekränkt - sie versteht ihn."

Leid

Und dann leidet sie doch, doch das verbirgt sich in wenigen klugen, genauen Sätzen:
"Er ist der Mann, mit dem sie alt werden wollte. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass er nicht alt werden wollte.
Und irgendwann ist auch die Scheidung schon fünf Jahre vergangen, die Liebe, die Ehe, die Kinder; – alle Kämpfe ausgetragen: was bewahrt wird, ist Zuneigung."
"Keine fremde Sprache richtig gelernt, in keiner fremden Stadt wirklich gelebt. Alle offenen Türen geschlossen. Dafür beginnen die Pensionszahlungen. Das goldene Zeitalter, die sonnigen Jahre."

Liebe

Mitunter streift Bitterkeit die Bilder, verleiht ihnen einen dunkleren Ton, denn die Frau setzte vieles auf die Liebe. Die intensiven Momente, aus denen sich das Leben speiste, schienen immer Möglichkeiten zu bieten, sich neu zu erfinden. An sie erinnert sich die Frau, aber auch an das, was bleibt, wenn der eine perfekte Tag ihres Lebens vorüber zu sein scheint und die letzte Chance, ihr Leben zu verändern, wieder an einen Mann geknüpft war.

Sterben

Ingeborg Bachmann nannte in ihrer Erzählung "Undine geht" die Ungeheuer alle Hans und klagte sie mit der lauten Stimme derer an, die an der Bedeutung der Männer zerbrach. Manuela Reichart skizziert das verblühende Leben der Sterbenden viel leiser und lakonischer, weiß aber ebenso um die Irrtümer weiblicher Sehnsucht.
"Sie ist nicht verrückt. Sie hat nur das Erwachsensein satt. Sie möchte sich noch einmal in den Kacheln des alten Ofens spiegeln, ihr Gesicht wiederfinden. Sie will nicht mehr die sein, die sie geworden ist. Sie sitzt auf der Bank, Sie will nicht nach Hause. Sie will nur nach Hause."

Hoffnung

Das zarte Gewebe aus dem, was bleibt, wenn das Leben verloren geht, ist in diesem schönen Buch bemerkenswert widerständig: Furcht, Ekel, Scham haben ebenso viel bewirkt wie die Kränkungen, die Einsamkeit, die Hoffnung. Das Verlangen, einzigartig zu sein, hat vielleicht verhindert, anderen zu begegnen.
"Das Leben ist kein Roman, es ist eine Aneinanderreihung von mehr oder weniger pointenlosen Kurzgeschichten. Stammt der Satz von mir? Ein kluger Satz. Einen gescheiten Satz sollte jeder zurücklassen. Das ist mein Nachlass, mein Erbe. Habe ich ihn gesagt? Hat man ihn gehört?"
Die Autorin hat einen Gegenentwurf zum Lebens-Roman gewagt, und ihre Miniaturen bieten dennoch Raum, das ganze Leben eines weiblichen Menschen zu imaginieren und zugleich kritisch und aus der Distanz zu betrachten - ungewöhnlich und mutig.
(Lore Kleinert)

Manuela Reichart lebt und arbeitet in Berlin als Radioautorin, Radiomoderatorin und Filmemacherin

Manuela Reichart, "Zehn Minuten und ein ganzes Leben"
S. Fischer Mai 2012, 112 Seiten, 14.99 Euro

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