Neue Bcher

Michael Degen
Familienbande

"Familienbande" - wie mag Michael Degen sich den Titel seines neuen Romans gedacht haben? Wird hier eine Familie porträtiert, von der man sagen möchte: diese Manns - was für eine Bande! Oder sind jene Bande gemeint, die eine Familie gemeinhin zusammenhalten? Vielleicht, wie im hier erzählten Fall, trotz allem zusammenhalten? Die Bande zwischen Eltern und Kindern, Vater und Sohn?

 

Michael Degen, Familienbande, Roman, RowohltEin unwillkommenes Kind

Es ist der jüngste Sohn der Manns, Michael, genannt Bibi, dessen Leben Degen erzählt. Während Thomas Mann die Tochter Medi, nur ein Jahr älter, vergöttert, ist Bibi unwillkommen (Mann wollte eine Abtreibung) und bekommt von väterlicher Seite die gesamte negative Gefühlspalette zu spüren, von Desinteresse bis Ablehnung.
In seiner Erzählung "Unordnung und frühes Leid" hat Thomas Mann seine Kinder porträtiert: Michael wird dort "Beißer" genannt, sein Haar ist "ungeschickt angewachsen" und "struppig", er neigt "zu Jähzorn und Wutgetrampel", verhält sich "berserkerhaft", wie ein "heulender Derwisch"; er ist von "verstockter Schwermut" und seine Schwester "macht alles besser als er". Ähnlich die Notizen in Manns Tagebüchern.

Schwieriges Leben

Eine schwere Hypothek. Hinzu kommt, dass man es als Sohn eines berühmten Vaters, der sich vor allem für sich selbst interessierte, ohnehin nicht leicht hat. Michael Mann heiratet früh, macht Karriere als Bratschist, studiert dann später Literaturwissenschaften und befasst sich sogar mit der Herausgabe der Tagebücher seines Vaters. In der Nacht zu Neujahr 1977 stirbt er an einer Kombination von zu viel Alkohol und Medikamenten; man vermutet einen Suizid.

Wiederbegegnung mit der Familie Mann

Diesem schwierigen Leben, das bislang in keiner Biographie beschrieben wurde, nähert sich Michael Degen in Form eines so anrührenden wie unterhaltsamen Romans. Sein Buch fußt auf intensiver Auseinandersetzung mit den vorliegenden Quellen, vor allem mit Thomas Manns Tagebüchern; die Lücken hat Degen nach eigener Aussage mit seiner Phantasie gefüllt.
Die Kälte dieser Vater-Sohn-Beziehung ist erschreckend, aber weil Michael Degen ein Autor mit Humor ist, wird diese Wiederbegegnung mit der "Jahrhundertfamilie" Mann – bei aller Schrecknis - zu einer wirklichen Lesefreude.
(Gabi von Alemann)

Michael Degen *1932 in Chemnitz, deutsch-israelischer Theater- und Filmschauspieler und Schriftsteller

Michael Degen "Familienbande"
Rowohlt Berlin 2011, 477 Seiten, 22,95 Euro
Taschenbuch (2012) 9,99 Euro, eBook 9,99 Euro

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