Katerina Poladjan
Hier sind Löwen Roman

"Es gibt Abertausende Schichten, und ich kratze an der Oberfläche herum, schabe Schmutz, löse Verklebungen" – das erzählt die junge deutsche Buchrestauratorin Helen Mazavian ihrem Freund Danil am Telefon und meint damit nicht nur ihre Arbeit.

 

Katerina Poladjan, Hier sind Löwen. Roman, S. FischerTrost in unsicheren Zeiten

Für viele Wochen lernt sie während eines Austauschprogramms im Archiv der armenischen Hauptstadt Jerewan die spezielle Buchkunst der Armenier kennen, deren Familienbibeln Trost in unsicheren Zeiten boten und mit ihren zahlreichen handschriftlichen Vermerken und eingeklebten Briefen und Bildern auch zum familiären Gedächtnis wurden.
"Manche ließen eher das eigene Kind zurück als ihre Bibel. Immer war man auf unsichere Zeiten eingestellt, immer bereit zu fliehen. In den Familienbibeln fanden die Menschen Trost, sie wurden benutzt, nicht nur angesehen und wieder zurückgestellt…Sie werden wissen, was Heine über Bücher als tragbare Heimat geschrieben hat. Es ging immer um Schutz und Abwehr, daher auch der stabile Einband, die Pressung schützte vor Insekten…Dieses Volk hatte schon immer Angst zu verschwinden."

Leerstellen der Geschichte

Auch die eigene Familiengeschichte der jungen Frau führt sie zurück bis zum Genozid, der die Armenier 1915 aus ihrer Heimat im osmanischen Reich vertrieb. Der Großvater der Autorin Katerina Poladjan (Jg. 1971) war ein Überlebender dieses Völkermords, als Sechsjähriger von seiner älteren Schwester gerettet, und sie selbst erlebte auf einer Recherchereise, wie allgegenwärtig das Thema im heutigen Armenien ist. Ihre Protagonistin Helen lässt sich in ihre unbekannte Familiengeschichte hineinziehen und setzt sich den Traumata der Menschen aus, denen sie auf ihrer Suche begegnet, mit Vorsicht zwar, mit Skepsis und dem Wissen, dass sich die Leerstellen der Geschichte nach mehr als hundert Jahren kaum mehr ausfüllen lassen.

Keine Antwort

In alten Landkarten stand 'Hic sunt leones', 'Hier sind Löwen' auf den Gebieten, die noch niemand erforscht hatte. Zu wem die Knochen gehörten, die ihr auf ihrer Reise durch das Land gezeigt werden, lässt sich nicht mehr aufklären, ebenso wenig wie die Fluchtwege ihrer Verwandten und die vieler anderer Familien.
"Was glauben sie, warum ich meinen Vater nicht nach seiner Geschichte gefragt habe? Ich habe nicht gefragt, weil ich keine Antwort wollte. Ich habe nicht gefragt, weil sein Schweigen jeden Raum füllte, den er betrat."
Zwei Namen jedoch, die Helen beim Restaurieren einer alten Familienbibel entgegenspringen, Anahid und Hrant, baut die Autorin in einem parallelen Erzählstrang in den Roman ein: Die Flucht zweier Kinder, sechs und vierzehn Jahre alt, deren Familie erschlagen wurden, ist bewegend nachempfunden und lässt die Katastrophe des armenischen Volkes sehr gegenwärtig werden, wenn die Schwester verzweifelt versucht, den kleinen Bruder zu retten.
"Ich denke an Brot, Anahid. Denk an etwas anderes, Hrant, zum Beispiel an deine Füße oder an deinen Bauchnabel oder an dein Herz. Dein Herz schlägt schnell gegen deine Brust, ich kann es fühlen, es ist ein kleiner pochender Stein. Denk daran, dass dieser Stein nur dir gehört, und eines Tages, Hrant, wird dieser Stein müde werden, aber jetzt ist er wütend."

Unsentimentaler Blick

Diese Passagen des Romans kontrastieren Helens halbherzige Suche nach möglichen Bezügen zu ihrer eigenen Familie und ergänzen auch ihre Liebesgeschichte mit dem unkonventionellen armenischen Musiker und Offizier Levon, der zwar in die Landesverteidigung eingebunden ist, aber seine eigene Geschichte auch nur bruchstückhaft kennt.
Eine Stärke des Romans ist sein unsentimentaler Blick auf die Gegenwart eines Landes, das im Bann der blutigen Geschichte steht, dessen Menschen aber kaum mehr daraus gelernt haben als in anderen Ländern auch. Ano, eine junge Syrerin mit ebenfalls armenischen Wurzeln etwa, sehnt sich nach ihrer Flucht vor dem Krieg nach San Francisco und Marseille:
"Und jetzt bin ich hier, man nimmt mich auf, und ja, man verachtet mich ein wenig. Wo immer du Armenier triffst, hier oder irgendwo in der Diaspora – alle werfen sich gegenseitig vor, keine richtigen Armenier zu sein. Das ist alles idiotisch."

Liebe zu alten Büchern

Die vielen Begegnungen Helens eröffnen einen großen Raum weit in die Geschichte und Gegenwart des Landes hinein. Zusammengehalten und klug strukturiert wird er aber vor allem durch die Liebe zu den alten, schönen Büchern, deren Schriftbilder die Bewegung in der Hand des Schreibers erahnen lassen und zu deren Erhalt ungeheure Kunstfertigkeit und großes, überliefertes Wissen erforderlich ist. Katerina Poladjan lässt in ihrem Roman die Annäherung an die besondere armenische Bindetechnik ebenso wie das detektivische Aufspüren und Heilen verletzter Illustrationen und Einbände zum großen, respektvollen Abenteuer werden.
"Wir leben noch in der Geschichte, nicht im Hier und nicht im Jetzt. In den Büchern, vielleicht im Angesicht des Todes, offenbarte sich die Ewigkeit."
(Lore Kleinert)

Katerina Poladjan, *1971 in Moskau, aufgewachsen in Rom, Wien und Berlin, sie ist Schauspielerin, Hörspielsprecherin und Autorin von Theatertexten, Essays und Prosa, lebt in Berlin

Katerina Poladjan "Hier sind Löwen"
Roman, S. Fischer Verlag 2019, 288 Seiten, 22 Euro
eBook 18,99 Euro