Rafik Schami
Die geheime Mission des Kardinals

Es ist Kommissar Barudis letzter Fall – wir kennen den Ermittler aus "Die dunkle Seite der Liebe". In wenigen Monaten wird er in Damaskus in den Ruhestand gehen – kein Kampf mehr gegen die unsichtbaren Eingriffe der Geheimdienste, kein Streit mehr mit korrupten Vorgesetzten, keine Mordfälle. Nur noch dieser eine.

 

Rafik Schami, Die geheime Mission des Kardinals. Roman, Hanser LiteraturverlageLeiche in Olivenöl

Der Kardinal, in Syrien unterwegs in geheimer Mission, hat sie nicht zu Ende bringen können. In einem Fass mit Olivenöl wird er in die italienische Botschaft geliefert, seine Leiche wurde mit allen Mitteln chirurgischer Kunst traktiert. Um die Aufklärungsarbeiten zu unterstützen, kommt ein Kollege aus Italien, der sich als Journalist tarnt. In Syrien stehen die Zeichen auf Sturm, die Unruhe im Land ist groß, die brutale Kompromisslosigkeit der Herrscherfamilie ebenfalls. Noch steht der Krieg erst bevor. Aber Spitzeleien und Korruption machen dem Ermittlerduo die Arbeit verdammt schwer.
"Wir leben in einem wunderschönen Land, und wir dürfen machen, was wir wollen, aber ab und zu geht das Ansehen des Staates über die Gerechtigkeit."

Im Auftrag des Papstes

Im Auftrag des Papstes sollte der Kardinal einen sogenannten Bergheiligen unter die Lupe nehmen – möglicherweise würden dessen Wundertaten eine Heiligsprechung rechtfertigen. Eine ziemlich merkwürdige Vorstellung angesichts der Tatsache, dass dieser Scharlatan sogar seine Fürze verkauft. Aber der Aberglaube macht's möglich, in Scharen rennen die Menschen nicht nur zu ihm, sondern auch zu einer Wunderheiligen, die täuschend echte Stigmata produziert.
"Der Kardinal hat den Ruf eines Kreuzzüglers verdient. Wer hat ihm erlaubt, sich über unsere Christen zu stellen und einen Wunderheiler zu überprüfen? Sollten zwei Millionen syrische Christen nicht selbst erkennen, ob jemand ein Scharlatan ist oder ein Heiliger ist?"
Darum vor allem geht es Rafik Schami in diesem Roman: Um Aberglauben und Heilsbotschaften selbst ernannter Wundertäter, die nichts anderes im Sinn haben als das schnelle Geld, um Bevormundung des Volkes, um eine Gesellschaft kurz vor dem Abgrund, in der demokratische Strukturen nur noch scheinbar funktionieren, um falsche Versprechungen der Herrschenden, denen das Wohl des Volkes egal ist. Der Autor hat viele Botschaften:
"Die Diktatur macht uns ängstlich. Sie lässt nicht nur Freunde und Verwandte einander bespitzeln, sie verbreitet auch Geschichten über fortwährenden Verrat, so dass das Volk überzeugt ist: Man kann heutzutage keinem mehr vertrauen."

Lust am Erzählen

Rafik Schami springt in diesem Roman nicht nur vom Aberglauben in die unterschiedlichen Religionen, sondern erklärt dem Leser aus immer neuem Blickwinkel das religiöse und politische Chaos im Land – islamistische Gotteskrieger, Christen, Muslime, Juden, Buddhisten, Herrscherclans, dubiose Machenschaften der Geheimdienste, Wundertäter. Hinzu kommt die Liebesgeschichte Kommissar Barudis, der um seine verstorbene Ehefrau trauert, dann aber doch eine neue Liebe erlebt.
Barudi ermittelt auf der einen Seite und schreibt auf der anderen Seite ein ganz persönliches Tagebuch, zwei Perspektiven also auf das Geschehen, und das ist angesichts der Fülle von Themen, die Schami in diesem Roman unterzubringen versucht, durchaus nützlich für's Verständnis der komplexen Zusammenhänge. Die manchmal etwas Absurdes bekommen, wenn ausgerechnet der Führer der Islamisten die beiden Ermittler unter seine Fittiche nimmt – er war der Pflegesohn Barudis und die beiden umarmen sich weinend im Gedenken an Barudis Ehefrau:
"Unter meiner Führung darf hier in den Bergen keinem Unschuldigen etwas passieren. Wir müssen auf unseren Ruf achten. Und wir wollen alles überprüfen, bevor wir ein Urteil fällen."
Rafik Schamis ausufernde Freude am Erzählen überfrachtet diesmal den Roman. Der erklärtermaßen kein Krimi sein will, es aber doch irgendwie ist. Unter der Last all dessen, was Rafik Schami hier an gesellschaftlicher und politischer Kritik, aber auch an ausführlichen Beschreibungen der (kulinarischen) Kultur und des alltäglichen Lebens in seiner Heimat unterbringen will, gehen Spannung und Esprit verloren.
(Christiane Schwalbe)

Rafik Schami *1946 in Damaskus, Chemiker und syrisch-deutscher Schriftsteller, lebt seit 1971 in Deutschland

Rafik Schami "Die geheime Mission des Kardinals"
Roman, Hanser Verlag 2019, 432 Seiten, 26 Euro
eBook 19,99 Euro, Audio-CD 19,99 Euro

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