Dagmar Leupold
Lavinia

"Haut und Papier
                werden nie wieder
                                  geduldig sein."
Dieses Bekenntnis einer Frau, die, wie sie sagt, den 'Herbst des Lebens' erreicht hat, steht fast am Ende von Dagmar Leupolds Roman.

 

Dagmar Leupold, Lavoinia. Roman. Jung und JungSpiel mit Sprache

Da hat sie ihre Lebensgeschichte schon längst aus dem 25. Stock eines Hochhauses in New York geworfen und sammelt die Fragmente dieses Lebens im Fallen wieder ein. Die Sprachspielerin Leupold dekliniert die vielen Stufen möglicher Fälle durch: vom Zu- zum Glücksfall, getragen vom Fallschirm oder Fallwind zum Ausfall und schließlich zum Wutanfall. Hier kulminiert die Erfahrung mit den Männern der Welt, den Betatschern und Übergreifern, mit denen sie nicht mehr paktieren will, damit sie irgendwann im 'Parterre einer wetterfesten Behausung' Frieden finden kann.
"Ich habe es euch leicht gemacht. Auch die schreibe ich hier ab – die es euch leicht gemacht hat. Die Amöbe: für jede Form zu haben. Umrisse je nach Stoßrichtung, Schmelzkäse, Blond ramPoniert, kosmoPolitisch zerbeult. Mal rare, mal medium, mal well done."

Sprachliche Feuerwerke

Zu dieser Radikalität arbeitet sich die Autorin, deren Lebensstationen denen Lavinias gleichen, im Blitzdurchgang durch die Vergangenheit Zug um Zug vor: Marburg, Tübingen, New York, München und die Flüsse: Die Lahn, der Neckar, Arno oder Hudson und schließlich die Isar sind die Wegmarken. Dazwischen entfaltet Dagmar Leupold sprachliche Feuerwerke, mit denen sie die Männer in Lavinias Leben beleuchtet und ebenso die Kindheitsgeschichten, die Lernerfolge, die Bildungsbrocken, die sie in großer, fast erdrückender Zahl begleiten und den Roman mitunter beschweren. Lavinia 'belichtet' die Eltern und sich selbst. Das ostpreußische Omale, "das Gesicht eine große Landschaft", die toten Onkel, das stets aufbewahrte Eisentöpfchen, das die Flucht überlebte.

Neue Bedeutungen

Die beengten Verhältnisse der jungen Eltern, die anderen, nicht gelebten Möglichkeiten nach dem Kriege, und wie sie sich selbst verhedderte - "rhetorische Glanzparaden, Kontaktpflege, Unermüdlichkeit im Auffallen" – die Aufwertung aufgrund des gezollten Beifalls: Welche Frau ihres Alters kennt das nicht?
"Die Männer stieben in Lavinia hinein und würfeln sie zu neuer Ordnung, Anordnung – wie bei einem Anagramm stellen sich neue Bedeutungen heraus, die zuvor versteckt waren. Gewissermaßen die ureigenen blinden Passagiere…Aber ich bin gut – und werde immer besser – im Verrenken und Anpassen an Vorgaben."
Einsamkeit und Scham lassen sie stürzen, verhelfen zum Umsortieren und zur endgültigen Absage an die Horizontale, und Dagmar Leupolds hinreißende Sprache lässt ihren Sturz durch die Zeiten zur beherzten Erkundung weiblichen Lebens werden.
(Lore Kleinert)

Dagmar Leupold, *1955 in Niederlahnstein/Rheinland-Pfalz, Studium der Germanistik und Philosophie, Übersetzerin und Autorin von Romanen, Erzählungen, Gedichten und Essays, lebt in München

Dagmar Leupold "Lavinia"
Roman, Verlag Jung und Jung 2019, 240 Seiten, 22 Euro
eBook 16,99 Euro