Jan-Philipp Sendker
Das Gedächtnis des Herzens

Sein Herz gehört Asien: Jan Philipp Sendker war Amerika- und Asien-Korrespondent des Stern, ehe er begann, Bücher zu schreiben – über China und über Burma, zwei Länder, hinter deren Kulissen nur schwer zu schauen ist.

 

Jan-Philipp Sendker, Das Gedächtnis des Herzens. Roman. Blessing-VerlagGesetze ohne Recht

"Alle Geschichten handeln von der Liebe, sagte mein Onkel. Die großen und die kleinen, die schönen und die nicht so schönen, jene, die traurig machen, und jene, die uns trösten sollen."
Dieser erste Satz steht gleichsam als Motto über dem Roman, in dem Jan-Philip Sendker  vor dem Hintergrund der beginnenden Proteste gegen die Militärdiktatur in Burma eine west-östliche Liebesgeschichte erzählt - zwischen der Amerikanerin Julia und dem Mönch Thar Thar. Julia, 38, unverheiratet, erfolgreiche Rechtsanwältin in New York, Tochter eines burmesischen Vaters, verliebt sich in ihn und entscheidet sich für ein Leben mit ihm:
"In seinem Land gab es zwar Gesetze, Recht wurde trotzdem nicht gesprochen. Deshalb brauchte es auch keine Anwälte. Als Ärztin wäre sie in Burma von weitaus größerem Nutzen. Als Ingenieurin. Lehrerin."

Ein einfaches Leben

In einem alten Kloster, wo er bedürftige und behinderte Kinder wie ein Familienvater betreut, führen sie ein sehr einfaches Leben - einziges Fortbewegungsmittel ist ein Moped, man schläft auf Matratzen auf dem Fußboden, kehrt mit Reisigbesen, wäscht sich mit kaltem Wasser, trägt bunte Wickelröcke. Sendker erzählt eben nicht irgendeine Liebesgeschichte, sondern eine aus Burma und schmückt sie aus mit Beschreibungen des Alltags in Burma und  der buddhistischen Traditionen - dazu gehören Meditation, Altäre, Opfergaben, Lichterketten und Räucherstäbchen. In der Figur Thar Thars erzählt er von einem ungeliebten Kind, von der Mutter verraten, von Soldaten gefangen, gefoltert und gezwungen, im Bürgerkrieg als Minensucher zu arbeiten. "Eine Kinderseele weiß alles und vergisst nichts" sagen die Burmesen und glauben an das Gedächtnis des Herzens. Einen Sigmund Freud kennen sie nicht und meinen doch das Gleiche:
"Die Fesseln werden uns in der Kindheit angelegt, der Radius, in dem wir uns bewegen, wird in den ersten Jahren abgesteckt. Und dann dauert es ein Leben, diese Fesseln zu erkunden."

Unvereinbare Welten

Julia wird schwanger und bringt ihr Kind in New York zur Welt, während Thar Thar, überfordert von westlicher Lebensart, trendigen Meditationsritualen und wohlwollendem Aktivismus eines Komitees "Free Burma" in sein Land zurückkehrt, um bei seinem Volk zu sein, als erste Demonstrationen der Mönche gegen die Militärdiktatur beginnen:
"Tausende von Menschen hatten am Straßenrand gestanden und die Mönche bejubelt. Soldaten hatten Warnschüsse abgefeuert und waren mit großer Gewalt gegen die Zuschauer vorgegangen…. In Sprechchören forderten sie ein Leben in Freiheit, skandierten laut den Namen Aung San Suu Kyis, über die sie sonst nur im Flüsterton sprachen."
Das alles erzählt U Ba, Thar Thars fast 80 Jahre alter Bruder, seinem wissbegierigen Neffen, dem 13jährigen Ko Bo Bo, der bei ihm in einem kleinen burmesischen Dorf aufwächst und eine auffallende Narbe im Gesicht trägt. Nach und nach lüftet der Onkel ein lang gehütetes, tragisches Familiengeheimnis, das den Jungen dazu bringt, auf eigene Faust nach Yangon zu reisen, um seine Mutter zu suchen.

Fiktion und Wirklichkeit

Diese Geschichte ist - wie fast jede große Liebesgeschichte - eine Gratwanderung zwischen Kitsch und der Kunst, Fiktion und Wirklichkeit glaubhaft zu verbinden. Der Autor erzählt sie vor dem Hintergrund der Aufstände gegen das Regime in Burma, vor der Kulisse burmesischer Kultur, aber er erzählt auch vom Hass gegen die muslimischen Volksgruppen und von ihrer Vertreibung. Er macht eine für uns exotische Welt sichtbar, die in der tiefen Gelassenheit des Buddhismus wurzelt - spannend, sentimental und anrührend.
(Christiane Schwalbe)

Jan-Philipp Sendker, *1960 in Hamburg, 1990 bis 1995 Amerika- und 1995 bis 1999 Asien-Korrespondent des "Stern", lebt in Potsdam

Jan-Philipp Sendker "Das Gedächtnis des Herzens"
Roman, Blessing Verlag 2019, 336 Seiten, 20 Euro
eBook 15,99 Euro, Audi-CD 18,99 Euro

Zur Burma-Serie gehören die Romane "Herzenhören" und "Herzenstimmen", die aber nicht zwingend sind, um "Das Gedächtnis des Herzens" zu verstehen.

Weitere Buchtipps zu Philip Sendker
"Das Geheimnis des alten Mönches" - Märchen und Fabeln aus Burma
"Am anderen Ende der Nacht"