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Vita Sackville-West
Eine Frau von vierzig Jahren

Eine Frau in den besten Jahren, wohlhabend und elegant: Evelyn Jarrold scheint in der reichen Familie ihres im Krieg gefallenen Mannes gut aufgehoben, ihr Sohn ist Schüler in Eton – doch das Leben, das sie führt, ist nur scheinbar erfüllt.

"Es war alles gar zu bequem und behaglich. Das machte sie bisweilen ein wenig ungeduldig und unleidlich…Bei dem Schneider, zu dem sie gerade ging, würde sie wieder bestellen, was sie wollte, und sie wusste, dass sie eine Menge Wünsche haben würde; sie kannte ihre feminine Schwäche für die Versuchung durch schöne Dinge."

 

Vita Sackville-West, Eine Frau von vierzig Jahren, Edition EbersbachGeheimnisvoll

Dieser Versuchung gibt sie oft und gern nach. Etwas Geheimnisvolles scheint die schöne Frau zu umgeben, das auf Männer eine große Wirkung hat, und als sie einem jungen Mitglied des britischen Unterhauses, einem Aristokraten mit sozialen Ambitionen vorgestellt wird, nehmen die Dinge ihren Lauf – der viel jüngere Miles und die elegante Frau mit der unbestimmten Sehnsucht verlieben sich ineinander.
Die englische Schriftstellerin Vita Sackville-West wirft in ihrem Roman von 1932 einen tiefen und genauen Blick auf die britische Gesellschaft der Jahre zwischen den Weltkriegen, und sie kannte sie gut, war sie doch selbst Frau eines Diplomaten und nach vielen Jahren im Ausland seit 1930 auf Sissinghurst Castle in Kent Teil dieses selbstzufriedenen Lebens der gehobenen Klassen.


Würde und Schönheit

"Ganz bestimmt war die englische Oberschicht (scheußlicher Ausdruck, aber irgendwie musste man sie ja bezeichnen) die dekorativste der Welt. Die ihr angehörten, sahen aus, als seien sie seit Generationen gut genährt, gewärmt, trainiert und in der Überzeugung aufgezogen worden, dass die ganze Welt nicht ihresgleichen hervorbringen könne. Die hohen Standards ihres Äußeren waren erstaunlich: Sie alle besaßen die Würde und Schönheit hochgezüchteter Rassetiere."

Liebeserklärung

Die Autorin selbst führte eine unkonventionelle Ehe, die homosexuelle Beziehungen beider Partner zuließ und „Orlando“, der Roman ihrer Freundin Virginia Woolf kann als Liebeserklärung für Vita Sackville-West gelesen werden. Umso erstaunlicher, mit wie viel Zuneigung sie auf ihre Heldin Evelyn blickt, wie nachsichtig und voller Mitgefühl sie die inneren Grenzen, an die diese Liebe zwischen zwei sehr verschiedenen Menschen stößt, beschreibt:
"Wie sehr wir uns auch lieben mögen, er und ich, immer ist da der Unterschied: Ihm bleibt die Welt, mir entschwindet sie. Die männliche Welt bleibt unabhängig von der der Welt der Liebe bestehen. Und deshalb – ihr Verstand zog diese logische Folgerung – darf ich ihm auf keinen Fall lästig werden. Ich muss mich der vorherrschenden Stimmung anpassen und dankbar sein für das, was ich bekommen kann. Er ist ein Mann, und ich bin eine Frau. Sein Leben ist erfüllt und meines ist leer, wenn er es nicht erfüllt."

Frauenschicksal

Vita Sackville-Wests Einblick in ein konventionelles Frauendasein des vorigen Jahrhunderts geht über die Geschichte selbst weit hinaus, sind doch die Nachwirkungen dieser Aufteilung bis heute spürbar: die Frau als Hüterin der Gefühle, als Verantwortliche für den häuslichen Bereich, als leidenschaftlich auf den Mann bezogene Luxuswesen. Der Blick der Autorin erfasst die britische Variante von Klassengesellschaft mit bitterem Humor: reiche Aufsteiger die mit dem Rollenbild des Gentleman oder Dandy vergeblich versuchen, sich an überkommene Adelsideale anzunähern:
"Die Zurschaustellung im Grunde unnützer Exponate konnte nur dadurch überspielt werden, dass sich Männer mit einem Vermögen von Jarrold’schen Ausmaßen eben eine eigene Jacht leisteten. Solche Jachten brachten solche Männer in ihrer kurz bemessenen Urlaubszeit an fremde, nicht-englische Gestade, von denen man fast zwangsläufig seltsame, nicht-englische Gegenstände mitbrachte, wenn auch nur um zu zeigen, wie groß der Unterschied zwischen Engländern und den Eingeborenen ist…Kunstwerke waren völlig in Ordnung, solange sie kostspielig genug waren..."

Leidenschaften

Die Männer in diesem Roman, zumindest die klügeren, hadern zwar mit den ihnen zugewiesenen Rollen, doch aus der Verstrickung der Geschlechter können sie sich nur schwer lösen. Miles ist ein Freigeist, der die ausschließliche Leidenschaft der älteren Frau zwar genießt, zugleich aber Selbstständigkeit und Interesse an gesellschaftlichem Aufbruch erwartet, und bald kann er sich mit dem 18jährigen Sohn der Geliebten besser unterhalten als mit ihr. Und auf seinen aufgeklärteren und intellektuellen Freundeskreis reagiert Evelyn mit Abwehr:
"Sie war sofort beunruhigt, an Offenheit zwischen Frauen war sie nicht gewöhnt. Frauen spielten ein besonderes Spiel – in beiden Welten, die sie kannte. Sie fürchtete, Viola würde ihre tiefsten Herzensangelegenheiten sozusagen mit einem Korkenzieher ans Licht ziehen."

Angst vor der Freiheit

Aus der Gefangenschaft der gesellschaftlichen Konventionen, des viktorianischen Erbes, das seine Söhne und Töchter, so D.H, Lawrence, verstümmelte und kastrierte, gibt es für die "Frau von vierzig Jahren" keinen Ausweg; zu groß ist ihre Angst vor den Frösten der Freiheit, zu gering ihr Vertrauen in möglichen Rückhalt durch andere.
Zum 110.Geburtstag der Autorin hat der Verlag ihre "Family History" neu übersetzt in einer schönen Ausgabe herausgebracht – ein erstklassiges Lesevergnügen und eine Reise in eine noch gar nicht so lange versunkene Zeit.
(Lore Kleinert)

Vita Sackville-West *1892 - 1962, geb. in Kent/England, englische Schriftstellerin und Gartengestalterin

Vita Sackville-West "Eine Frau von vierzig Jahren"
edition ebersbach 2012, 415 Seiten, 24,80 Euro

 

 

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