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Jane Gardam
Eine treue Frau

Dieser zweite Teil von Jane Gardams Trilogie über die Generation der "Nachkriegs-Wirbellosen", die letzten der in den britischen Kolonien geborenen Träger des Empire, ist keine Fortsetzung, sondern beleuchtet die Ehe des Kronanwalts Edward Feathers und seiner Frau Betty noch einmal, diesmal aus der Perspektive der Frau.

 

Jane Gardam, Eine treue Frau, Roman, HanserIrrtum und Betrug

Wie in einem Kaleidoskop ändern sich die Facetten, aus denen sich die Szenen einer Ehe ergeben, und wir haben die große Chance, ein ebenso fein gewirktes wie treffendes Bild dieser Jahre zu erkennen. 1950 hält Old Filth, wie er später genannt wurde (Failed in London, Try Hongkong), um Elisabeth McIntoshs Hand an, und ihre fünfzigjährige Ehe beginnt mit Irrtum und Betrug. Betty, in China geboren, verlor ihre Eltern im japanischen Internierungslager und sucht Halt beim aufstrebenden und erfolgreichen Juristen:
"Es wird nicht romantisch werden, aber wer will das schon? Es wird auch nicht leidenschaftlich werden, aber vielleicht ist das auch besser so. Wir werden Kinder haben. Er ist wirklich bemerkenswert, und ich werde ihn innig lieben lernen."

Prekäres Gleichgewicht

Doch in der Person von Feathers‘ gefürchtetstem Widersacher vor Gericht, dem leichtlebigen Aufsteiger Terry Veneering, lernt sie Leidenschaft und Liebe kennen. Kurz nur und sehr selten, denn Betty hat ihrem Mann versprochen, ihn nicht zu verlassen und gedenkt, sich daran zu halten. In Ehen wie dieser kam es darauf an, das prekäre Gleichgewicht herzustellen, das die als Kolonialwaisen und Kriegsgeschädigte niemals genug in sich selbst fanden, und Jane Gardam lotet die besondere britische Einfärbung dieser Charakterprägung mit Feingefühl und Humor aus:
"Ich bin mein ganzes Leben lang verlassen worden…Sie dachten, es wäre gut für uns, nach Hause geschickt zu werden, während sie weiter das Empire regierten. Wir sind alle beschädigt, auch wenn wir ziemlich widerstandsfähig geworden sind. Es hat mich nicht zerstört, aber verdammt unsicher gemacht."

Ohne Sentimentalität

Betty wird ihrem erfolgreichen und meist in Arbeit verschwundenen Mann die Sicherheit, die er einfordert, nicht verweigern, bis es zu spät ist, ihn, alt geworden und mit ihr im luxuriösen südenglischen Exil in Devon festsitzend, zu verlassen. Wie ihr Versprechen allmählich zum Fluch wird, vor allem, als sie nach einer Fehlgeburt und Krebsoperation keine Kinder mehr bekommen wird, erzählt Jane Gardam nuancenreich und ohne jede Sentimentalität. Die Ehe besteht weiter, trotz großer Enttäuschungen, trotz Verzichts, gegen alle Anfechtungen und Attraktionen, nicht zuletzt, weil Eddie Feathers‘ bester Freund Albert Ross, ein Chinese, der schon in "Ein tadelloser Mann" eine zentrale Rolle spielt, wie eine Nemesis darüber wacht. Vor allem aber, weil die britische Elite in Hongkong wusste, dass ihre Zeit ablief.

Haltung bewahren

Ihre Fassaden und Geheimnisse schildert Gardam kundig und in der Tradition, wenn auch nicht im Geiste von Autoren wie Somerset Maugham oder Rudyard Kipling. Dem Paar bleibt schließlich nur das, was es über lange Zeit verbunden hat:
"Sie dachte: Ich bin auf einer Insel im leblosen Meer. Ich bin gestrandet. Ihr zitterten die Beine. Sie setzte sich hin und rief sich in Erinnerung, dass Alleinsein das war, was ein Großteil der Welt für normal hielt. Sie dachte an ihre Kindheit im überfüllten Tianjin mit einer ganzen Armee chinesischer Dienstboten, die Tag und Nacht da waren…Und jetzt diese Einsamkeit. Doppelverglaste Stille. Ich habe niemanden, aber ich habe Erinnerungen."
Diese Sicht Bettys unterscheidet sich grundsätzlich von Old Filth‘ um sich selbst kreisenden Gedankenströmen im ersten Band, und zwischen Hongkong, London und Dorset entsteht das glaubwürdige Portrait einer Frau, die in erster Linie Haltung zu bewahren lernt, um einen hohen Preis.

Perspektive des Liebhabers

Dass dieser zweite Band neben dem Roman über ihren gar nicht so untadeligen Mann etwas blasser wirkt, liegt letztlich daran, dass ihr Spielraum so begrenzt bleibt und von den Männern in ihrem Leben definiert wird. Der dritte Teil der Trilogie ist bereits für September angekündigt - ihr Liebhaber Terry Veneering wird im Mittelpunkt stehen, in Hongkong Old Filth‘ Widersacher und Stachel im Fleische. Ihre Begegnungen als Nachbarn und alte Männer nach Bettys Tod gehören schon jetzt zu den Höhepunkten dieses Romans, und die Perspektive des Liebhabers wird die Geschichte vom Leben in einer untergegangenen Ära mit nachhaltigen Auswirkungen mit Sicherheit in ein neues Licht tauchen und bereichern.
(Lore Kleinert)

Jane Gardam *1928 in North Yorkshire, englische Schriftstellerin, lebt in Kent

Jane Gardam "Eine treue Frau"
Roman, Hanser 2016, 272 Seiten, 21,99 Euro
eBook 16,99 Euro

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