Ian McEwan
Maschinen wie ich

Was bedeutet technischer Fortschritt für uns Menschen, wie nützlich können uns Maschinen sein und wie gefährlich kann Künstliche Intelligenz werden? Zur Beantwortung dieser Fragen schickt uns Ian McEwan nicht etwa in eine ferne Zukunft, sondern in die jüngere Vergangenheit und verschiebt dabei ein paar Fakten.

 

Ian McEwan, Maschinen wie ich. Roman, DiogenesGeschichte umgeschrieben

1982, Argentinien und nicht England hat hier den Falklandkrieg gewonnen und die Beatles sind wieder vereint. Alan Turing lebt noch – bei McEwan, der die Fakten ein wenig umgeschrieben hat, lehnt der geniale Wissenschaftler und Computerpionier eine Hormonbehandlung gegen seine Homosexualität ab und begeht keinen Selbstmord. Er ist im Roman ein bewunderter Experte, dem sein Protagonist Charlie mit großer Ehrfurcht begegnet. Dank seiner Forschung gibt es bereits Anfang der 80iger Jahre Internet, Handys, selbstfahrende Autos und die ersten künstlichen Menschen.

Menschliche Maschine

Für stolze 86 000 Pfund kauft sich Charlie einen Adam, es ist
"der erste wirklich funktionsfähige künstliche Mensch mit überzeugender Intelligenz und glaubhaftem Äußeren, mit lebensechter Motorik und Mimik … zwölf Exemplare dieser Produktionsreihe hießen Adam, dreizehn Eve."
Adam muss aufgeladen und programmiert werden, und über diesen Androiden kann sich Charlie der über ihm wohnenden Miranda nähern, in die er sich verliebt hat. Eine Hälfte will er, die andere soll sie programmieren, "eine hausgemachte Version der Genkombination … Wir zeugten ein Kind!"
Das "Kind" entpuppt sich allerdings als funktionierender Mann und hat Sex mit Miranda – Charlie ist entsetzt und erkennt, dass Turing recht hatte, als er sagte:
"In dem Moment, da wir im Verhalten keinen Unterschied mehr zwischen Mensch und Maschine erkennen können, müssen wir der Maschine Menschlichkeit zuschreiben."

Dunkles Geheimnis

Auch für den Leser wird Adam immer menschlicher: Er fordert Kleidung, macht sich schick, geht mit Charlie einkaufen, kümmert sich ums Putzen, beginnt sein literarisches Wissen zu erweitern, liebt Shakespeare, gesteht, ebenfalls in Miranda verliebt zu sein und schreibt ihr Gedichte. Er macht Online-Börsengeschäfte mit stattlichen Gewinnen und er befolgt Charlies strenges Verbot, sich Miranda körperlich zu nähern. Das könnte also eine etwas ungewöhnliche Ménage à trois werden … wüsste Adam nicht von einem dunklen Geheimnis, das Miranda vor Charlie verbirgt, und käme da nicht ein kleiner Junge ins Spiel, den die beiden – inzwischen ein Paar – adoptieren möchten. Aber es kommt noch schlimmer: Mirandas Vergangenheit – eine Art zusätzlicher Krimi innerhalb des Romans - löst bei Adam ein unerwartet konsequentes Handeln aus, das ihm buchstäblich das Genick bricht. Der Android, programmiert von zwei Menschen, hat klare Prinzipien und entscheidet sich für Gerechtigkeit. Können Maschinen also doch die besseren Menschen sein?

Der Zustand der Welt

Ian McEwan erzählt kühl beobachtend und wenig emphatisch, er bettet die Handlung in umfangreiche Recherchen und philosophisch-politische Exkurse, lässt Alan Turing das soziale Elend moderner Gesellschaften beklagen:
"Millionen sterben an Krankheiten, die wir heilen können. Millionen leben in Armut, obwohl es genug für alle gibt. Wir zerstören unsere Biosphäre, obwohl wir wissen, dass sie unsere einzige Heimat ist. Wir bedrohen uns gegenseitig mit Atomwaffen, auch wenn wir wissen, wohin das führen kann. Wir lieben Lebendiges, lassen aber massenhaftes Artensterben zu ...Genozid, Folter, Versklavung, Kindesmissbrauch, Schießereien in Schulen, Vergewaltigungen …"
Der Autor verlegt in die 1980er-Jahre, was uns heute größte Sorgen macht, lässt auch den Brexit nicht aus, schwärmt von der Herrlichkeit des Denkens und neuer Hoffnung für die Menschheit durch künstliche Intelligenz. Das liest sich spannend und anregend, bisweilen etwas langatmig, weil allzu überfrachtet, denn McEwan verknüpft über immer neue Wege und Personen Fakten und Theorien mit Fiktion und Fantasie.
(Christiane Schwalbe)

Ian McEwan *1948 in Aldershot (Hampshire), englischer Schriftsteller mit zahlreichen Auszeichnungen, lebt in London

Ian McEwan "Maschinen wie ich"
"Machines Like Me" aus dem Englischen übersetzt von Bernhard Robben
Roman, Diogenes 2019, 416 Seiten, 25 Euro
eBook 21,99 Euro, Hörbuch 8 CDs 26 Euro

Weitere Buchtipps zu Ian McEwan
Kindeswohl
Solar