Margery Sharp
Die vollkommene Lady

Welch ein Auftakt: Julia Packett liegt in der Badewanne, singt die Marseillaise und unterhält die Gerichtsvollzieher, die ihre letzten Möbel pfänden wollen, mit Anekdoten aus ihrem früheren Leben am Theater – bis sie schließlich mit einem Pfandleiher handelseinig wird und die Wanne verlassen kann.

 

Margery Sharp, Die vollkommene Lady. Roman, Eisele VerlagAbstecher nach Paris

Ein Brief ihrer Tochter Susan, deren Vater als Offizier im ersten Weltkrieg starb und die sie von ihren sehr soliden und honorigen Großeltern aufziehen ließ, lockt sie nach Frankreich: Susan braucht ihre Unterstützung, denn sie will, noch bevor sie volljährig wird, heiraten, und Julia ist fest entschlossen, die Rolle einer vollendeten Dame zu spielen, obwohl sie sich schon auf der Fahrt einen Abstecher nach Paris mit einem prächtig gebauten Hochseilartisten gönnt. Mit genauem Blick und Scharfzüngigkeit entwirft Margery Sharp das Portrait einer beherzten Frau, die das Leben in der Familie des toten Gatten genau siebzehn Monate aushielt und feststellen musste, dass sie zur Marionette einer sittsamen Schwiegertochter geworden war, deren Fäden die Dankbarkeit zog.
"Einen Mann zu lieben, lag in ihrer Natur: Nur musste der Mann auch am Leben sein und da sein und sie zurückküssen können. Die Liebe an einer Erinnerung festzumachen – selbst an der Erinnerung eines Ehemannes – lag Julia überhaupt nicht …"

Ehrenhafte Lady

Das Leben, das sie stattdessen wählte, ist nach allen Maßstäben der Familie ihrer Tochter unmoralisch, und der Autorin, deren Buch 1937 erstmals erschien, gelingt es, die Fassaden des satten Oberschichtlebens in der Ferienvilla in Savoyen mit dem Auftauchen Julias zugleich zu feiern und durch Komik zu durchlöchern. Julia setzt alles daran, als ehrenhafte Lady Eindruck zu machen und zugleich ihre Tochter von der Heirat mit Bryan abzubringen. Seine Leichtlebigkeit durchschaut sie sofort, und Julia ist lebensklug genug, um zu ahnen, dass ihre Tochter und der junge Mann den Bildern aufsitzen, die sie sich voneinander gemacht haben. Als schließlich auch noch Sir William auftaucht, ein reicher Witwer, der sich in die Lebenslust dieser Frau mit dem "freundlichen Körper" verliebt, stürzen all die anrüchigen Ereignisse ihres Lebens sie in schwere Selbstzweifel. Sehr präzise setzt die Autorin die Akteure und Akteurinnen im herrlichen Ambiente Südfrankreichs in Szene, spiegelt sie durch die Augen der jeweils anderen und legt zugleich die engen Verhältnisse bloß, in denen sich die Frauen zwischen den Weltkriegen behaupten mussten - ohne tiefschürfende Analysen, aber mit ausgeprägtem Feingefühl.

Wunsch nach Perfektion

Julia freut sich an der fast perfekten jungen Frau, die aus ihrer als Kind verlassenen Tochter wurde, und will sie keinesfalls enttäuschen, aber neben der Ehrfurcht vor den geschliffenen Oberschicht-Manieren macht sich auch leise Gereiztheit bemerkbar.
"Susan war selbstgefällig. Nicht auf eine unangenehme Art. Nicht auf belehrende Art, aber selbstgefällig, weil sie so viele gute Eigenschaften im Überfluss besaß. Wie alle vernünftigen jungen Leute wollte sie Vollkommenheit, das Problem war nur, dass ihre Messlatte für Perfektion ungewöhnlich hoch lag."
Ihre Großmutter und Julias ehemalige Schwiegermutter findet, dass nun, da das ganze "Frauenrechtstrara" überstanden sei - gemeint ist der Kampf der Suffragetten - Susan doch sogar "auf würdevolle, damenhafte Art" in die Politik gehen und zum Beispiel die Frau an der Seite eines künftigen Außenministers werden könne.

Frau mit Vergangenheit

Nüchtern, unaufgeregt, aber voller Anteilnahme erzählt Margery Sharp von den inneren und äußeren Kämpfen ihrer Heldin. Ihr Erfahrungsschatz lässt sie zwar die Regeln der Upperclass genau erkennen, aber durch beständige kleine Lügen fällt sie immer wieder aus der Rolle. Wenn sie sich fragt, warum Ehefrauen selten Expertinnen für Männer sind, kommt sie zu dem Schluss,
"dass man eben sehr viele Männer kennengelernt haben musste, um sie zu verstehen – um den vollen Wert ihrer guten Eigenschaften zu sehen, während man ihnen ihre schlechten verzieh."
Solche Frauen aber werden selten geheiratet, und mit nunmehr 37 Jahren und völlig mittellos muss Julia ihre geringen Chancen nutzen, um sich mit ihrem Expertinnenwissen in Sicherheit zu bringen.
(Lore Kleinert)

Margery Sharp, *1905 in Bezirk Salisbury, Südengland, Autorin von 26 Romanen, zahlreichen Erzählungen, 3 Bühnenstücken und 14 Kinderbüchern, gestorben 1991

Margery Sharp "Die vollkommene Lady"
aus dem Englischen neu übersetzt von Wibke Kuhn
Roman, Eisele Verlag 2019, 336 Seiten, 20 Euro
eBook 16,99 Euro