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Kerstin Ekman
Schwindlerinnen

Die schwedische Schriftstellerin Kerstin Ekman begann ihre Karriere als Schriftstellerin mit Kriminalromanen. Über die Grenzen ihrer Heimat hinaus bekannt wurde sie mit einer Romantetralogie über die Entwicklung der schwedischen Gesellschaft.
1978 in die Schwedische Akademie berufen, die u.a. die Literaturnobelpreisträger wählt, verließ sie das Gremium 1989 aus Protest gegen das mangelnde Engagement für den Schriftsteller Salman Rushdie. Ihr neuer Roman widmet sich mit Genuss und Ironie der Schizophrenie des Schriftstellerdaseins.

 

Neue Buchtipps Kerstin Ekman, Schwindlerinnen, Piper VerlagSchöne Fassade

Die gefeierte Schriftstellerin Lillemor Troj ist verblüfft, als ihr Verleger sie mit einem Manuskript konfrontiert, das sie unter anderem Namen geschrieben haben soll. Die Autorin namens Barbro Anderson erzählt die Geschichte ihres Lebens und eines ungeheuerlichen Betrugs: Keines ihrer Bücher habe Lillemor selbst geschrieben. Sie bot die perfekte und schöne Fassade, las Korrektur und ordnete, während Babba, grobschlächtig und schreibmächtig, den Literaturbetrieb meiden konnte. Am Anfang steht ein Preisgeld von 500 Kronen für eine Geschichte.

"Der Geist hatte mich besucht, er, der in der Mitte des Lichtwirbels sitzt, die Form wechselt und seine Bilder aus Adern, Nerven, Speichel, Blut und Schleim webt. Das hier war weder Blut noch Licht. Ich hatte herumgetastet und getan was ich konnte, aber es wurde nur eine Menge Papier daraus...

Die entscheidende Erkenntnis, was eine Schriftstellerin war, hatte mir der Abend im Volkshaus beschert. Das war eine, die im Volkshaus stand, die mit schriller Stimme sprach und die rauchte. Und dann war da die andere, die verhext über rauchende Frauen und deren seltsames Leben schrieb. Ich dachte natürlich nicht im Traum daran, Schriftstellerin zu werden, aber mir war klar geworden, dass das Monster zwei Köpfe hat."


Und tatsächlich wird Lillemor für die Öffentlichkeit die Schriftstellerin, während Barbro schreibt und schreibt.

Jekyll und Hyde

Ein Teufelspakt, der sich als höchst erfolgreich erweist: Die Bücher finden ihre Leser, Lillemor wird in die Schwedische Akademie aufgenommen und beide Frauen genießen die finanzielle Unabhängigkeit. Im Manuskript der einen und den dagegen geschnittenen Erinnerungen der anderen, scheinbar Erfolgreicheren, wird das Jekyll&Hyde-Motiv zum Kunstgriff.
Es erlaubt zwei sehr verschiedenen, aber gleichermaßen lebendigen Frauen, sich – wenngleich widerwillig – ineinander zu spiegeln. Freundinnen sind sie nicht, aber ohne einander können sie nicht arbeiten. Weil Barbro sich dem Chaos widmen kann, in dem alle Kreativität ihre Heimat hat, muss die andere die Rolle der erfolgreichen Autorin immer weiter spielen, auch wenn sie mitunter genug davon hat. Und Barbros Wahrheit missfällt ihr:

"Wird meine Erinnerung nun gegen Szenen aus diesem Papierhaufen ausgetauscht? Hat Geschriebenes die Macht, sie auszulöschen? Habe ich selbst bereits begonnen, sie auszulöschen, als ich Babba von meinem Leben erzählte? Weiß der Himmel, was alles. Fast alles, glaube ich, dabei habe ich Erinnerungen erdichtet, und die ursprünglichen Bilder verschwanden, als wären sie auf alten Fotografien verblasst. Und Babba hat weitergedichtet."

Spiel mit Leben und Schreiben

Und damit will sie unter keinen Umständen aufhören – auch um den Preis, die Lüge an den Tag zu bringen, mit diesem ersten Manuskript unter eigenen Namen. Doch das erweist sich als kompliziert, denn Kerstin Ekman geht es ja nicht um irgendeine abstrakte Wahrheit, sondern um die Literatur selbst.
Sie, die selbst in diesem Jahr 80 wird, entfesselt in diesem Roman ein wunderbares Spiel mit dem Leben und dem Schreiben: mit den verschiedenen Ursprüngen von Begabung, dem Selbstbewusstsein als Frau, so zeitabhängig, wie es sich in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts entwickelte, und auch mit den Bildern, die die Öffentlichkeit sich machen will. Durch diese Schichten dringt der Roman vor, bis zu den tiefsten Überzeugungen der beiden Frauen.

"Du weißt doch, dass Schriftsteller stehlen und lügen. Entlehnen, beeinflussen, paraphrasieren, parodieren, anspielen oder weiß der Himmel, welche feinen Bezeichnungen es dafür gibt. Alles außer plagiieren, denn das darf man nicht. Jedenfalls darf man es nicht so nennen. Auf alle Fälle aber stehlen sie. Literatur lebt von Literatur. Du weißt, dass die Autoren voneinander stehlen. Sie beuten andere aus und schmarotzen, entkleiden den Nächsten bis auf die nackte Haut und noch tiefere Schichten."

Virtuos erzählt

Kerstin Ekman erspart ihren beiden Geschöpfen wenig, und weil sie den literarischen Betrieb voller Ironie, das Schreiben selbst aber mit Respekt und Liebe betrachtet, ist es ein großes Vergnügen, die facettenreiche Geschichte der beiden Nicht-Freundinnen zu verfolgen. Beide sind ihr sehr wichtig, deshalb ist sie am Ende gnädig mit ihnen und demonstriert virtuos, was Schriftstellerinnen alles dürfen.
(Lore Kleinert)

Kerstin Ekman *1933 ist eine der angesehendsten Schriftstellerinnen Schwedens

Kerstin Ekman Schwindlerinnen
Piper-Verlag Okt. 2012, 448 Seiten, 22,99 Euro

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