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Taiye Selasi
Diese Dinge geschehen nicht einfach so

Nein, diese Dinge geschehen nicht einfach so: Ein begnadeter Chirurg stirbt plötzlich an einem Herzinfarkt, obwohl er die Anzeichen erkennt; seine Frau Fola, eine Yoruba, erspürt das Schicksal jedes ihrer vier Kinder in bestimmten Körperregionen; ihre Zwillinge gehen auseinander und an ihren Erinnerungen fast zugrunde; die Jüngste, das einst mühsam ins Leben geholte Frühchen, leidet unter Bulimie; der Älteste, Chirurg wie sein Vater, hat jede Empathie für das Leben verloren.

 

Taiye Selasi, Diese Dinge geschehen nicht einfach so, Fischer VerlagVorbildliches Leben

Taiye Selasi beschreibt in ihrem berührenden Roman das Schicksal einer afroamerikanischen Familie, die in Amerika bestens integriert ist und doch zwischen den Kulturen steht. Die Eheleute stammen aus Ghana und Nigeria, haben Mord und Zerstörung erlebt. Die andere Wirklichkeit ist Boston, wo die Familie ein intaktes, vorbildliches Leben führt, gesellschaftlich anerkannt, zielstrebig und karrierebewusst, die Kinder schön, klug und begabt, immer die Besten ihres Jahrgangs.
Aber der Preis dafür ist hoch, fordert Anpassung und Unterordnung, erfüllt sich im Wissen, der Beste zu sein und unter diesem Druck ständig bestehen zu müssen. Wenn es wirklich darauf ankommt, werden sie als Schwarze eben doch schlechter behandelt als einflussreiche Weiße.

Von Scham überwältigt

So ergeht es Kweku, dem Familienvater und anerkannten Chirurgen. Als er einer von vornherein riskanten Operation widerstrebend zustimmt und die weiße Frau, eine großzügige Förderin der Klinik, stirbt, muss er gehen. Seiner Familie verschweigt er die Kündigung, geht jeden Morgen aus dem Haus, als sei nichts geschehen, versucht sich sein Recht zu erstreiten. Nur sein Sohn erlebt zufällig, wie der Vater von der Klinikleitung ein letztes Mal gedemütigt wird. Da verlässt er, von Scham überwältigt, über Nacht Frau und Kinder.

Suche nach Identität

Die Familie zerbricht. Vier Kinder muss Fola plötzlich allein und ohne Geld durchbringen. 16 Jahre lang werden sie ihren Vater vermissen, ihrer eigenen Wege gehen, immer auf der Suche nach einer Identität – Boston, New York, London, Paris, Mali, Accra. Die Sehnsucht nach ihm werden sie verdrängen, sich dem amerikanischen Traum von Erfolg und Karriere fügen; aber ihre Seelen bleiben verletzt, Schmerz und Wut über den Verlust suchen sich immer neue Wege – bis hin zu Gefühllosigkeit, Selbsthass und dem Versuch, sich das Leben zu nehmen.

Episoden der Erinnerung

Taiye Selasi erzählt die Geschichte dieser Familie nicht chronologisch genau, sondern fächert sie nach und nach auf, wechselt immer wieder die Perspektive, schiebt Szenen und Erinnerungen episodenhaft ineinander, verliert sich in den Sehnsüchten ihrer Protagonisten, ruft Demütigungen und Enttäuschungen in Erinnerung. Sie legt dabei psychische Traumata bloß und enthüllt Ereignisse einer fernen Vergangenheit, als folge sie einer schicksalhaften inneren Stimme, die mit dem Tod des Vaters die Familie wieder in ein versöhnlichen Miteinander führt, nachdem schwelende Geheimnisse und Verletzungen endlich enthüllt worden sind.

Afropolitan

Die Autorin ist selbst eine Kosmopolitin Frau, besser: eine "Afropolitan". Diesen Begriff erfand sie für eine neue Generation von akademisch gebildeten Weltbürgern mit afrikanischen Wurzeln. Selasis Eltern sind Ärzte und Bürgerrechtler, die eigene Biografie bildet die Basis dieses ungemein spannenden Familienromans, der immer wieder politisch-historische Bezüge und die koloniale Vergangenheit des schwarzen Kontinents einblendet, um die Zerrissenheit der Menschen zu erklären. Ein wunderbar poetisches, kraftvoll erzähltes Buch, vielschichtig und bewegend.
(Christiane Schwalbe)

Taiye Selasi "Diese Dinge geschehen nicht einfach so"
Roman, Engl. Titel "Ghana must go", übersetzt von Adelheid Zöfel
S. Fischer, 2013, 6.Auflage, 400 Seiten, 21,99 Euro, Taschenbuch 8,99 Euro
eBook 18,99 Euro

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