Neue Bcher

Javier Marías
Die sterblich Verliebten

Der Meister des literarischen Thrillers ("Mein Herz so weiß"), der Spanier Javier Marías, hat mit "Die sterblich Verliebten" - um es gleich mal vorwegzunehmen - ein außergewöhnliches Buch geschrieben. Das Erste, was daran auffällt: Die beiden Protagonisten heißen ausgerechnet Javier und María. Ein spielerischer, augenzwinkernder Hinweis auf die Stimmen in diesem Roman: die der Ich-Erzählerin María mit ihrer weiblichen Perspektive, Javier mit der des (liebenden) Mannes, und dazu die Stimme des Autors als einer Art Synthese aus beiden.

 

Javier Marías, Die sterblich Verliebten, FischerEin glückliches Paar

María arbeitet in einem Verlag. Jeden Morgen vor der Arbeit sitzt sie in einem Café, wo sie Luisa und Miguel beobachtet, die dort täglich zusammen frühstücken. Ein offensichtlich miteinander sehr glückliches Paar. María, die selber ohne feste Beziehung lebt, zieht aus diesem Anblick gute Laune und Kraft für ihren eigenen Tag.
Die Idylle ist vorbei, als Miguel eines Tages unter seltsamen Umständen brutal umgebracht wird. Sein bester Freund Javier kümmert sich um die Witwe. María lernt Javier kennen und verliebt sich, sie treffen sich ab und zu, aber sie macht sich keine großen Hoffnungen, denn sie begreift: Javier liebt seit langem Luisa und wartet auf das Ende ihrer Trauer um Miguel.

Wie weit darf Liebe gehen?

Es ist eine Liebes-Geschichte mit einer speziellen Konstellation, die hier erzählt wird. Die Gedanken, die María und Javier darüber wälzen, betreffen universelle philosophische Fragen, die es in sich haben. Ein geliebter Mensch ist gestorben. Wie lebt er in den Gedanken seiner Geliebten weiter? Wie, wann verblassen Erinnerungen? Mit welchen Verzweiflungen, welchen Hoffnungen leben die Nahestehenden, gehen weiter, wo der Tote stehen geblieben ist? Wie weit darf Liebe gehen? Bis zum Mord?

Fühlbare Sogwirkung

Javier Marías hat einen hochgradig spannenden Roman geschrieben, der von Beginn an eine heftig fühlbare Sogwirkung entfaltet. Javier erzählt María Balzacs Novelle vom Obersten Chabert, der – in der Schlacht verletzt und für tot gehalten – nach Jahren zu seiner inzwischen neu verheirateten Witwe zurückkehrt und seine Rechte einfordert: "Interessant", sagt Javier in Marías' Roman, "sind die Möglichkeiten und Ideen, die uns solche Werke mit ihren imaginären Fällen einimpfen und eingeben, sie prägen sich deutlicher ein als die tatsächlichen Ereignisse." Das gilt, wie sich herausstellen wird, auch für den Mord an Miguel: Kann er das Produkt einer Idee sein, einer Möglichkeit, wie man handeln könnte?

Gleich nochmal lesen

Marías' Roman ist ein faszinierendes Raunen der Gedanken, was ist Lüge, was ist Wahrheit? Eine menschliche Komödie um Neid und Mord und Literatur und Liebe und Tod. "Die Toten tun schlecht daran, zurückzukehren," heißt es kurz vor dem (überraschenden!) Ende des Romans, "und doch tun es fast alle, sie geben nicht klein bei, ringen darum, den Lebenden zum Ballast zu werden, bis diese sie abschütteln, um voranzuschreiten."
Dies ist eins der Bücher, die man gern gleich nochmal lesen möchte.
(Gabi von Alemann)

Javier Marías *1951 in Madrid, spanischer Schriftsteller

Javier Marías "Die sterblich Verliebten"
S. Fischer 2012, 430 Seiten, 19,99 Euro

 

 

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