Neue Bcher

Elena Ferrante
Meine geniale Freundin

Das ist die Geschichte von zwei ungleichen Frauen, von einer Kindheit voller Gewalt in einem neapolitanischen Armenviertel, in dem alle nach Aufstieg und Wohlstand streben, egal um welchen Preis. Es ist aber vor allem die Geschichte einer Sehnsucht nach Bildung, Wissen und Emanzipation.

 

Elena Ferrante, Meine geniale Freundin, Roman. SuhrkampLina und Lenù

Elena Greco, genannt Lenù, inzwischen Schriftstellerin und aufgestiegen, erzählt von sich und ihrer Freundin Lina. Angelegt auf insgesamt vier Bände über 60 Jahre hinweg verfolgen wir ihren eigenen Weg und den der Schusterstochter, die sich - hochbegabt und wissbegierig - schon als kleines Kind das Lesen beigebracht und in der Grundschule ein Buch geschrieben hat. Ihr Vater verwehrt ihr die ersehnte Bildung, sie muss in der Werkstatt mitarbeiten. Umso genauer fragt sie ihre Freundin aus, lernt mit ihr und allein zu Hause und überholt sie immer wieder. Was Lina scheinbar zufliegt, muss sich Lenù hart erarbeiten.
"Hatte sie begonnen, griechisch zu lernen, noch bevor ich mit dem Gymnasium anfing? Hatte sie es allein getan, während ich nicht einmal daran dachte, und dies im Sommer, in den Ferien? Tat sie das, was ich tun müsste, immer vor mir und besser als ich? …. Ich versuchte, sie eine Weile zu meiden, ich war wütend."

Immer auch Rivalinnen

Es sind zwei grundverschiedene Lebensentwürfe, aber beide haben die Flucht aus der Armut als Motiv. Lina, die nur von Elena Lila genannt wird, entscheidet sich (zwangsläufig) für den Weg der Heirat: Sie angelt sich einen reichen Mann, einen Lebensmittelhändler, und die bildungsbeflissene Freundin Lenù wird als "Brillenschlange weit entfernt vom Mittelpunkt des Geschehens" neidisch daneben stehen und weiter angestrengt lernen, um auf andere Weise dem Milieu zu entkommen. Denn die besten Freundinnen, die eine eher schüchtern und zurückhaltend, die andere wagemutig und unerschrocken, sind immer auch Rivalinnen.
"Stärker denn je spürte ich die Bedeutungslosigkeit meiner Ausbildung, mir wurde klar, dass ich diesen Weg Jahre zuvor nur eingeschlagen hatte, um in Lilas Augen beneidenswert zu erscheinen. Dabei maß sie Büchern nun keinerlei Wert mehr bei."

Jeder gegen jeden

Atmosphärisch dicht und detailgenau erzählt Elena Ferrante in diesem ersten Buch von Armut und Gewalt, von Kampf und Anerkennung, von brutalen Männern und unterdrückten Frauen im Neapel der 1950er und 60er Jahre. Es ist ein Mikrokosmos, in dem jeder gegen jeden kämpft, um sich durchzusetzen, in dem sich Familien bekriegen und ein Leben in der gesellschaftlichen Unterschicht führen:
"Der Pöbel, das waren wir. Der Pöbel, das war das Gezanke ums Essen und um den Wein, war das Gestreite darum, wer zuerst und besser bedient wurde, war dieser dreckige Fußboden, auf dem die Kellner hin und her liefen, und die immer vulgärer werdenden Trinksprüche … Alle lachten, auch Lila, mit der Miene eines Menschen, der in einer Rolle steckt und sie bis zum Ende spielt."

Enttarnung um jeden Preis

Der Hype um dieses Buch, das erst in Amerika wirklich erfolgreich war und dann mit dem Ruhm im Schlepptau nach Europa zurückkehrte, um die Bestsellerlisten zu stürmen, wurde noch angeheizt durch die Recherchen eines italienischen Journalisten, der meinte, die unter Pseudonym schreibende Autorin unbedingt enttarnen zu müssen. Warum auch immer es wichtig sein soll, den wahren Namen der Schriftstellerin zu enthüllen – dieses Buch ist beste Unterhaltungsliteratur und ein großes Lesevergnügen. Ferrante-Fans müssen nicht mehr lange warten: Bereits am 10. Januar 2017 erscheint die Fortsetzung des neapolitanischen Familienromans: "Die Geschichte eines neuen Namens".
(Christiane Schwalbe)

Elena Ferrante "Meine geniale Freundin"
"L'amica geniale" aus dem Italienischen übersetzt von Karin Krieger
Roman, Suhrkamp 2016, 425 Seiten, 22 Euro
eBook 18,99 Euro, AudioCD 22,99 Euro, Hörbuch-Download 15,99 Euro

Weiterer Buchtipp zu Elena Ferrante
"Die Geschichte der getrennten Wege"
"Die Geschichte eines neuen Namens"

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