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Elena Ferrante
Die Geschichte der getrennten Wege

#FerranteFever: Die Neapolitanische Saga um die Freundinnen Lila und Lenú, die sich aus ihrer ärmlichen und bildungsfernen Herkunft herauskämpfen, geht in die dritte Runde. Noch ist die Schustertochter Lila nicht verschwunden, wie uns Elena Greco, Lenú, in "Meine geniale Freundin" gleich zu Beginn erzählt, um dann zurückzublicken auf die bewegende und bewegte Geschichte dieser Freundschaft.

 

Elena Ferrante, Die Geschichte der getrennten Wege, SuhrkampSozialer Aufstieg

Lila und Lenú sind inzwischen 30 Jahre alt, erwachsen, eng befreundet seit der Kindheit, aber immer wieder in Konkurrenz zueinander stehend: Lila ist die Begabte, geistig Überlegene, durfte aber nicht auf eine höhere Schule. Lenú muss sich Bildung und Ausbildung zwar hart erkämpfen, aber ihre Eltern lassen sie gewähren. Ihren endgültigen sozialen Aufstieg vollzieht sie durch Heirat mit einem florentinischen Professor, Sohn aus bestem Hause. Die neue Familie ist für sie ein Schutzraum, in dem sie ihre Herkunft zu vergessen hofft. Außerdem hat sie ihr erstes Buch geschrieben, das ihr vorübergehende Popularität beschert und sie "vorzeigbar" macht, auch wenn eigentlich alle nur über die darin geschilderten Sex-Szenen reden. Lila wird ihr eines Tages sagen:
"Gib mir nichts mehr zu lesen, ich bin nicht die Richtige dafür, ich erwarte Großes von Dir, ich bin mir absolut sicher, dass Du es besser kannst, ich will, dass Du es besser machst, das ist mein größter Wunsch, denn wer bin ich, wenn Du nicht gut bist, wer bin ich dann?"

Politische Ziele

Lila, die ihrem Milieu durch Heirat zu entfliehen versuchte, hat einen tiefen Fall hinter sich: Von Stefano, ihrem brutalen Ehemann und wohlhabenden Besitzer eines florierenden Lebensmittelgeschäfts, lebt sie getrennt, sie hat einen Sohn und arbeitet in der Zerlegeabteilung einer Wurstfabrik. Eines Tages ruft sie ihre Freundin um Hilfe, weil sie Angst hat, durchzudrehen - sie, die niemals bereit war, Schwäche zu zeigen. Und Lenú kommt, natürlich:
"Lila, die in einem heruntergekommenen Neubau mit Enzo zusammenwohnte, obwohl sie nicht mit ihm schlief. … Ihre Stimme hatte sich mir eingeprägt, mit der sie versucht hatte, San Giovanni, die Würste, den Gestank der Fabrik und ihren eigenen Zustand wegzuwischen."


Lenú ist schockiert über die zerrütteten Lebensverhältnisse der Freundin, steht ihr aber zur Seite, auch dann noch, als Lila einen neuen Weg einschlägt, um sich aus ihrer elenden Situation zu befreien. Sie lässt sich – zunächst widerstrebend – hineinziehen in den politischen Kampf, der in den 1970er Jahren Italien durchschüttelt, und beginnt, sich für revolutionäre Ideen, Arbeiterbewegung und den Protest gegen die etablierte Politik zu interessieren. Lenú erkennt resignierend:
"Lila besitzt eine außergewöhnliche Intelligenz, eine Intelligenz, die ich stets anerkannt habe, die ich liebe und die alles, was ich getan habe, beeinflusst hat. Meine Intelligenz habe ich mit großer Mühe, doch erfolgreich ausgebildet …. Lila, die ihre alte und ihre neue Wut in politische Ziele verwandelt hat; Lila, die die Leute hin und her schiebt wie Figuren in einer Geschichte."

Politischer Protest

"Die Geschichte der getrennten Wege" ist eine Geschichte der politischen und der Frauen-Emanzipation. Die beiden Freundinnen finden zwar wieder zusammen, bleiben aber Rivalinnen - Lila kämpferisch und selbstbewusst, Lenú zweifelnd und die Freundin bewundernd, ihre Leichtigkeit, Dinge zu lernen, zu analysieren und sich furchtlos in den politischen Protest gegen männliche Unterdrückung und menschenunwürdige Arbeitsbedingungen zu stürzen.
"Nein, nein, es war genug … jetzt wollte sie nicht mehr, sie würde allein klarkommen … mit ihrem eigenen Kopf voller Ansprüche, dem es nicht gelang, sich zu begnügen. … Sie fasste die Forderungen aus der Zerlegeabteilung mit denen aus den Kühlräumen und denen aus der Kochabteilung zusammen und kam überrascht zu dem Ergebnis, dass … sie alle zusammen die Glieder ein- und derselben Kette der Ausbeutung waren."
Sie erntet Anerkennung auch bei Männern, die längst nicht nur ihre Schönheit bewundern, sondern ihre Tatkraft und ihre innovativen Ideen. Und so kehrt sie eines Tages als Geschäftsfrau in ihr altes, von der Camorra beherrschtes Vorstadtviertel Rione zurück, während Lenú sich enttäuscht aus der Ehe herauswindet und in eine Affäre mit einem Mann stürzt, der einer von vielen Gründen für die Rivalität der beiden Freundinnen ist.

Kampf gegen die Vergangenheit

"Die Geschichte der getrennten Wege" ist fesselnd, emotional, politisch und ein eindrucksvolles Abbild der Zeit. Großartig erzählt und ebenso großartig von Karin Krieger übersetzt. Elena Ferrante gelingt es erneut, die Spannung dieser neapolitanischen Saga zu steigern, die Gewichte zu verschieben, Emanzipation und Arbeiterbewusstsein in den Mittelpunkt zu stellen, die Freundschaft der beiden Frauen einzubetten in die Geschichte der politischen Unruhen im Italien der siebziger Jahre. Mühelos holt sie den Leser mitten hinein in eine Beziehung, die bestimmt ist vom Kampf gegen die eigene Vergangenheit und von einer großen Sehnsucht nach Bildung, Erfolg und Anerkennung.
(Christiane Schwalbe)

Elena Ferrante ist das Pseudonym einer anonymen italienischen Schriftstellerin, die 1943 in Neapel geboren ist und als wichtige Vertreterin zeitgenössischer Literatur gilt.

Buchpremiere: 11. September in Berlin, Internationales Literaturfestival.
Informationen rund um die Neapolitanische Saga – vom Casting in Neapel für die Verfilmung bis hin zu Gewinnspielen, Newsletter und Lesungen - unter #ferrantefever.de und elenaferrante.de

Elena Ferrante "Die Geschichte der getrennten Wege"
"Storia di chi fugge e di chi resta" aus dem Italienischen übersetzt von Karin Krieger
Roman, Suhrkamp 2017, 540 Seiten, 24 Euro
eBook 20,99 Euro, Hörbuch, gelesen von Eva Mattes, 24,99 Euro

Weitere Buchtipps zu Elena Ferrante
"Die Geschichte eines neuen Namens"
"Meine geniale Freundin"

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