Jeroen Olyslaegers
Weil der Mensch erbärmlich ist

"Sowohl in mir als auch in der Stadt liegt noch viel zu viel begraben. Die Langhaarigen in den Sechziger Jahren sagten, unter dem Pflaster läge der Strand. Dummköpfe. Unter dem Pflaster liegt der Betrug."

 

Jeroen Olyslaegers, Weil der Mensch erbärmlich ist, Roman. Dumont BuchverlagEs hört nie auf

Wilfried Wils ist sehr alt geworden, als er sich an sein Leben erinnert, an alles, was ihm missraten ist. Seine Enkelin, Kind der Sechziger Jahre, schrieb in ihren Abschiedsbrief, bevor sie sich das Leben nahm, "Opa ist ein mieses Schwein", und Wils macht keinen Hehl daraus, dass sein Leben erbärmlich war. Als die Deutschen Belgien besetzten, ist er zwanzig Jahre alt, Sohn eines prügelnden Vaters und einer schwachen Mutter. Er war ein mittelmäßiger Schüler, der sich von seinem vermeintlichen Wundertäter Miesebart an den Texten von Rimbaud und Lautréamont berauschen ließ und sich eine Existenz als Dichter und Dämon Angelo zusammenphantasiert.
"Ich hielt mich damals noch immer für einen großen, wenngleich verkannten Dichter. Ich fühlte mich am Kragen gepackt und – wenn du so willst – von Teufeln wieder in die Geschichte hineingezogen, die mich da zum ersten Mal nach so langer Zeit am eigenen Leib spüren ließ, was ich heute für wahr erachte: Es hört nie auf."

Der flämische Dramatiker und Romanschriftsteller Jeroen Olyslaegers macht es seinen Lesern nicht leicht: Sein über 90 Jahre alter Schwadroneur Wilfried, der tatsächlich nach dem Krieg einen Gedichtband veröffentlichte, nachdem er sich als Hilfspolizist durchwurstelte, wird durch seine vermeintliche Ehrlichkeit und Plauderhaftigkeit keinesfalls sympathischer. Doch in dieser irritierenden Fremdheit liegt ein großer Reiz, der sich in dem Maße entfaltet, wie er seine Feigheit, sein Mittelmaß und seine grandiose Selbstüberschätzung im fiktiven Gespräch mit seinem Urenkel aufblättert. Seine Frau, die er im Krieg als Schwester seines besten Freundes Lode kennenlernt, ist elend gestorben, sein Sohn hofft, dass er verrecken möge, seine Pflegerin Nicole ist nach Lodes Tod schließlich die einzige, die sich um ihn kümmert, denn den Urenkel gibt es nicht wirklich.

Suche nach Macht

Die Passagen über die Jahre im besetzten Antwerpen gehören zu den dichtesten Schilderungen des Lebens eines jungen Mannes, den Ehrgeiz und der Anspruch, etwas Besonderes, Großartiges zu vollbringen, zu einem unheilvollen Balanceakt zwischen Gut und Böse verleiten. Warum junge Männer wie er damals von ihrer Sucht nach Abenteuer und Macht verführt wurden, beschreibt Olyslaegers mit Hellsicht und dem Wissen um ihre Ängste:
"Man denkt nicht gern an die unangenehme Tatsache, dass ihr Leben vor dem Krieg festgelegt worden war, und zwar von der Wiege bis zur Bahre…Und sieh an, auf einmal gab es Krieg, und das Leben war keine Falle mehr, sondern entpuppte sich plötzlich als Spiel. Unter dem weißen Deckmantel des Idealismus verbarg sich Langeweile, eine Strafe auf Lebenszeit, ohne dass sie nach dem Krieg von einem Richter verhängt worden wäre.“

Literarisch ein Gewinn

Diese Langeweile kettet Lode und ihn zusammen, wie "belgische Schäferhunde, die permanent an einer Hütte angeleint sind“, den Mond aber nicht anheulen, sondern Alkohol trinken, sich vergnügen, sogar ein bisschen mit dem Widerstand gegen die Besatzer kokettieren und ihre Angst und Einsamkeit verbergen. Der Schrecken des Krieges macht Wilfried Wils nicht etwa empfindsamer, sondern so mörderisch wie viele andere auch. Nach dem Krieg wird Lode kein Freund mehr sein, und auch Wilfrieds Karriere als Dichter wird sich nicht fortsetzen, und alles, was er verschweigt und in sich vergräbt, wird ihn einholen – doch da ist es längst zu spät: Jeroen Olyslaegers lässt keinen Zweifel daran, dass sein verhinderter Visionär Wilfried/Angelo am gewaltsamen Abtransport der jüdischen Bevölkerung Antwerpens beteiligt war und sich durchaus darüber im Klaren ist, dass in "jedem Mitläufer ein Dreckskerl“ steckt. Er bürdet seinem Protagonisten, der Opfer und Täter zugleich ist, viel auf, zu viel an Geschichte der belgischen Kollaboration, persönlichem Versagen und Weltschmerz, doch sein Roman über diesen Weg heraus aus der Blindheit vor der Angst ist dennoch spannend, riskant und literarisch ein Gewinn.
(Lore Kleinert)

Jeroen Olyslaegers, *1967 in Flandern/Belgien, Dramatiker und Prosaautor, mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, lebt in Antwerpen

Jeroen Olyslaegers "Weil der Mensch erbärmlich ist"
Aus dem Niederländischen von Isabel Hessel und Gregor Seferenz
Roman, Dumont Buchverlag 2018, 363 Seiten, 24 Euro
eBook 18,99 Euro