Neel Mukherjee
Das Leben in einem Atemzug

In einem Atemzug … der schnell der letzte sein kann, denn das Indien, das Neel Mukherjee beschreibt, ist zerrissen durch Kasten und getrennt durch Wohlstand. Die Reichen verstehen die Armen als Besitz, halten sie als Diener, Köchinnen, Kindermädchen, Mägde, verlangen Gehorsamkeit und Unterwürfigkeit.

 

Neel Mukherjee, Das Leben in einem Atemzug. Roman, Verlag Antje KunstmannLeben im Slum

Milly zum Beispiel, die von der Mutter in die Stadt geschickt wird, um in einer wohlhabenden Familie als Hausmädchen zu arbeiten – eingesperrt, erniedrigt, entwürdigt. Sie schafft es, zu fliehen, sich ein eigenes, armseliges Leben in einem Slum aufzubauen – mit dem Mann, der sie befreit hat. Ihre Kinder sollen es besser haben, also arbeitet sie bis zum Umfallen. Wie die Köchin Renu, die bei sechs Familien kocht, um Geld dafür zu sparen, dass ihr Sohn in Deutschland sorglos studieren kann. Der Sohn einer ihrer Familien, für die sie kocht, lebt in London und hat stets besondere Wünsche, wenn er seine Eltern besucht. Er interessiert sich scheinbar auch für die Person Renu, gegen den Willen seiner Mutter:
"Es gibt keinen Grund, sie auf Augenhöhe zu behandeln, sie würde es als eine Art Freibrief verstehen und sich nur noch mehr herausnehmen. Am besten ist es, mit Dienstboten nicht persönlich zu werden, man muss immer einen gewissen Abstand zu ihnen wahren."

Der Gast als Gott

Aber er will ein Buch schreiben mit authentischen Rezepten seiner Heimat und reist unter schwierigsten Bedingungen ins Dorf der Köchin, um dort regionale Speisen für seine besondere kulinarische Sammlung kennenzulernen. Der reiche Sohn wird empfangen als einer, der sich herablässt zu den Ärmsten der Armen: "Ich wusste, ich musste mir diese vehemente Unterwürfigkeit, unter der man hier gastfreundliches Verhalten verstand, wohl oder übel gefallen lassen; in der bengalischen Kultur war der Gast ein Gott."

Laufen, um zu lernen

Bildung ist in weiten Teilen Indiens noch immer ein Fremdwort – auch davon erzählen Mukherjees Geschichten:
"Oft, an bis zu fünfzehn oder zwanzig Tagen im Monat, marschierten die Kinder zur Schule, und die Lehrerin ließ sich nicht blicken; oder sie kam und war gegen Mittag schon wieder weg. Mit der Zeit hatte das zur Folge, dass auch die Schülerzahlen zurückgingen – wer würde soweit laufen wollen, … um dann in einem Zimmer herumzusitzen und zu warten und zu warten, bis es Zeit war, wieder nach Hause zu gehen?"
Die bildungshungrige Milly will lernen, bringt sich das Lesen selbst bei und versetzt damit ihre Herrschaft in pure Fassungslosigkeit. Ihre beste Freundin Soni geht einen andere Weg – sie schließt sich einer terroristischen Vereinigung an, wissend, dass sie das jederzeit das Leben kosten kann. Aber was ist schon ein Leben in Indien …
"Auf dem Dorf hatten sie, an guten Tagen, ein Mal gegessen … Ein Tag mit zwei Mahlzeiten war ein seltenes Geschenk; und zwar ein mühsam erkauftes. Es gab auch Tage an denen sie hungerten."

Vater und Sohn

Mukherjees Indien ist auch das Indien der Touristen, die in Scharen kommen, um die Paläste der Maharadschas oder das märchenhafte Taj Mahal zu bevölkern. Ein Vater kommt mit seinem Sohn aus den USA in die Heimat zurück, als reicher Mann:
"Er hatte gezögert, mit dem Jungen gleich nach ihrer mittäglichen Besichtigung des Taj Mahal nach Fatehpur Sikri zu fahren; zwei bedeutenden Mogul-Denkmäler an einem Nachmittag konnten übertrieben erscheinen." Der Sohn überlebt diese Reise nicht.

Tanzbären

Und im Rückgriff auf längst vergangene Zeiten erzählt Mukherjee von den tanzenden Bären, mit denen Männer früher über die Dörfer zogen, um die Menschen zu belustigen und damit ihr Geld zu verdienen. Tierquälerei, längst verboten. Aber Lakshman zieht trotzdem ein Bärenjunges auf und macht mit brutalen Schlägen aus der gequälten Kreatur einen Tanzbären.
"Und Raju quiekt und wimmert und brüllt und kreischt, ein von Geistern besessener, rasender Sänger, und dann belohnt er Lakshman viele, viele Male, indem er sich aufbäumt und auf seinen Hinterbeinen tänzelt und hüpft, während er den Baum mit seinen Vordertatzen umklammert, als wäre er eine Tanzpartnerin …"
Es sind typische Schicksale, bittere Geschichten, die der Autor zu einem tragischen und verstörenden Bild zusammenfügt, nur zum Teil miteinander verknüpft, aber immer verbunden in all dem Elend seiner Protagonisten. Tragisch, zornig, anklagend und schockierend. Mukherjee will wachrütteln.
(Christiane Schwalbe)

Neel Mukherjee, *1970 in Kalkutta, Studium der englischen Literatur in England, ausgezeichnet mit renommierten Literaturpreisen, lebt in London

Neel Mukherjee "Das Leben in einem Atemzug"
übersetzt von Giovanni und Ditte Bandini
Antje Kunstmann Verlag 2018, 320 Seiten, 24,70 Euro
eBook 16,99 Euro