Anne Cathrine Bomann
Agathe

"Wenn ich mit zweiundsiebzig in den Ruhestand ging, hatte ich noch fünf Monate zu arbeiten. Das entsprach zweiundzwanzig Wochen oder, falls alle Patienten kamen, genau achthundert Gesprächen. War jemand verhindert und wurde krank, verringerte sich die Zahl natürlich. Darin lag, trotz allem, ein gewisser Trost."

 

Anne Cathrine Bomann, Agathe. Roman, hanserblauJahre der Übung

Ein Psychiater kurz vor dem Ruhestand. Jahrzehntelang hat er hinter der Couch gesessen und zugehört, immer wieder mal "Mmh" gebrummt und seine Patienten damit zum Weitersprechen angeregt. Er schreibt schon lange nichts mehr auf, vertreibt sich die Zeit mit Vogelkarikaturen seiner Patienten. Eigentlich interessieren ihn die Geschichten derer, die auf der Couch liegen, nicht wirklich:
"Jahre der Übung halfen mir, an den richtigen Stellen zu brummen, ohne tatsächlich zuzuhören, und mit etwas Glück würde ich nicht ein Wort wahrgenommen haben, bis sie wieder ging."
Sein Beruf ist Routine, seine Praxis wird von einer perfekten Sekretärin organisiert. Aber kaum hat er diese Räume verlassen, beginnen seine Ängste vor dem Alter. Sie kommen schleichend und sie kommen stetig. Er lebt schon immer allein, hat keine Familie, keine Freunde. Nach seinem Tod wird kein Hahn nach ihm krähen.

Ein schwieriger Fall

Da steht plötzlich Agathe in der Praxis, eine neue Patientin, der seine Sekretärin die Behandlung zugesagt hat - gegen seinen Willen. Sie selbst hat sich eine Auszeit genommen, um ihren kranken Mann zu pflegen. Agathe ist manisch-depressiv: "Ich bin hier, weil ich wieder die Lust am Leben verloren habe. Ich hege nicht die Illusion, mich irgendwann gut zu fühlen, aber ich möchte gern zurecht kommen."
Ein schwieriger Fall. Agathe schneidet sich, reißt sich die Haare aus, hat bereits einen Selbstmordversuch hinter sich, Aufenthalte in der Psychiatrie und diverse Ärzte. Ihr zu helfen, wird Zeit brauchen – die der Ich-Erzähler nicht mehr hat. Aber er findet Agathe anziehend, spürt ihrem Parfum nach, das er irgendwoher kennt. Mehr noch: Sie verunsichert ihn. Denn Agathe, die so zerbrechlich und hilflos wirkt, bringt die Sache auf den Punkt:
"Aber Doktor, wie können sie es zu Ihrer Lebensaufgabe machen, das Leiden anderer zu heilen, wenn Sie nicht einmal ein Gespür für Ihr eigenes haben? … Wie können Sie behaupten, andere zu verstehen, wenn Sie nicht einmal wissen, wie es Ihnen selbst geht?"
Damit trifft Agathe ins Schwarze und weckt sein Interesse, sogar Eifersucht und längst verdrängte Bedürfnisse - seine Lebensenergie kehrt zurück. Der ausgebrannte, resignierte Mann beginnt, wieder aktiv zu werden und Mitgefühl zu empfinden – für seine Patienten, seine Nachbarn, seine Sekretärin und vor allem für sich selbst.

Sehnsucht nach Nähe

Ein eindringlicher kleiner Roman, in der die Autorin mit feinem Gespür für ihre Figuren deren psychischen Nöte, verdrängten Wünsche und Sehnsucht nach Nähe beschreibt. Sie kennt sich aus, weiß, wie zwiespältig eine Beziehung zwischen Psychiater und Patient werden kann, denn sie ist selbst Psychologin. "Agathe" ist ihr erster Roman.
(Christiane Schwalbe)

Anne Cathrine Bomann, *1983, dänische Psychologin und Autorin, lebte und wohnte in Paris an der gleichen Adresse wie Agathe in diesem Roman, jetzt lebt sie in Kopenhagen

Anne Cathrine Bomann "Agathe"
Aus dem Dänischen von Franziska Hüther
hanserblau 2019, 160 Seiten, 16 Euro
eBook 11,99 Euro