Elena Ferrante
Frantumaglia
Mein geschriebenes Leben

Ein Buch für alle, die Elena Ferrantes Bücher lieben, die nicht nur ihre vierbändige Neapel-Serie "Meine geniale Freundin" verschlungen haben, sondern auch ihre frühen Romane - "Frau im Dunkeln" und "Lästige Liebe".

 

Ferrante, Frantumaglia - mein geschriebenes Leben. SuhrkampReflektiert und klug

"Frantumaglia" ist eine Sammlung von Essays, (schriftlichen) Interviews, die über ihren Verlag vermittelt wurden, und Briefen aus den Jahren 1991 bis 2016 - Werkstattbericht und Selbstbeschreibung, fast eine Selbstfindung. In jedem Fall lohnender Lesestoff für alle, die mehr über die Gedanken und Motive dieser Schriftstellerin erfahren wollen, denen ihre wahre Identität aber egal ist. Denn Elena Ferrante weigert sich zwar beharrlich und nach Lektüre dieses Buches absolut nachvollziehbar, ihren wirklichen Namen zu nennen, gibt in "Frantumaglia" aber durchaus Persönliches preis, zeigt sich als überaus belesene und gebildete Autorin, die mit großer Hartnäckigkeit und Genauigkeit den ewig gleichen Fragen der Journalisten reflektierte und kluge Antworten entgegenzusetzen weiß.

Konkrete Bilder

In Briefen an ihren Verlag, an Leserinnen und Leser, an Freunde, Journalisten und Regisseure setzt sie sich detailliert mit der Rezeption ihrer Bücher auseinander – beispielsweise mit Drehbuch und Verfilmung ihres Romans "Lästige Liebe". Sie ist beeindruckt und irritiert zugleich:
"Zu Recht haben Sie, um ihr Werk realisieren zu können, das Buch radikal umgekrempelt und es seiner ursprünglichen literarischen Form entkleidet. Im Film werden Schauplätze, Figuren und Handlung in ihrer konkreten Form so anschaulich, dass man sie sofort wiederzuerkennen meint. Spontan hat mich beim Blick auf die Leinwand jene Unruhe erfasst, die Neapel, die Geräuschkulisse, das Stimmengewirr, schon immer in mir auslöste."

Neapel im Zentrum

Neapel spielt eine bedeutsame Rolle in ihrem Leben und in ihren Romanen, führt die Stadt doch stets zurück in die Kindheit, markiert zentrale Erfahrungen und Einsichten, Gefühle und prägende Erinnerungen. Dabei sucht sie Erklärungen und Hintergründe sowohl bei Sigmund Freud als auch bei Walter Benjamin, erweist sich als kritische Beobachterin patriarchalisch geprägten Lebens von Frauen und findet feministische Argumente für das Verhalten ihrer Figuren. Auch sie verlassen Neapel, zumindest zeitweise, kommen aber stets zurück:
"Mit Neapel wird man nie fertig, auch nicht aus der Distanz … Ich habe Neapel früh verlassen, dann an verschiedenen, weit entfernten Orten gelebt. Doch mit keinem anderen Wohnort bin ich je richtig vertraut geworden. Sie waren alle nur Prothesen … Neapel ist für mich das einzig gültige Modell eines urbanen Erfahrungsraums geworden, der mich bedrängt und verwirrt, während ein Gewitter niedergeht."

Mutter und Tochter

Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter und seine zerstörerische Kraft sind zentrales Motiv in ihren Romanen, auch der Kampf von Frauen, die mit den Traditionen ihrer Mütter und Großmütter brechen, um ihr eigenes Ich zu entdecken, Selbstvertrauen und eine eigene Sprache zu finden. Im Dialekt, der in Neapel gesprochen wird, findet Ferrante den Titel für dieses Buch:
"Meine Mutter hat mir eine Vokabel aus dem Dialekt hinterlassen, die sie immer benutzte, wenn sie sich durch widersprüchliche Eindrücke bedrängt und innerlich zerrissen fühlte. Dann sagte sie, sie habe Frantumaglia ...das Wort bezeichnet ein undefinierbares Unbehagen, verwies auf eine Masse heterogener Dinge im Kopf, Ablagerungen im trüben Wasser des Gehirns … lauter Trümmer, die sich dem Ich auf brutale Weise als sein tatsächliches und einziges Inneres zeigen."

Pakt mit den Lesern

Beeindruckend an diesem Buch ist auch, mit welcher Redundanz die Medien aus Ferrantes Identität ein Mysterium machen, das es zu enthüllen gilt, dabei öffentlich rätseln, warum sie sich entzieht, und ihre Fragen, wer sie denn nun sei, in immer neue Formulierungen kleiden. Dies tun sie vermutlich in dem Glauben, sie doch einmal aus der Reserve locken oder gar eine ihr unterstellte Eitelkeit wecken zu können. Ferrante antwortet variantenreich und geduldig - ein Roman, einmal in die Öffentlichkeit entlassen, schließe einen Pakt mit den Lesern:
"Ich glaube, Bücher brauchen, wenn sie einmal geschrieben sind, keinen Autor mehr. Wenn sie etwas zu erzählen haben, finden sie früher oder später ihre Leser. Und wenn nicht, dann eben nicht. … Es ist ein Sieg, der ihre Autonomie beweist. Sie haben sich das Recht verdient, von den Lesern geschätzt zu werden, einzig und allein in ihrer Eigenschaft als Bücher."

Dreizehn Buchstaben

Konsequent entzieht sie sich dem Hype um ihre Persönlichkeit, den "Ritualen der Kulturindustrie", und lässt ihre Geschichten sprechen, verweigert sich dem "obsessiven Geltungsdrang, den die Medien befeuern" - und sich irgendwann lächerlich machen mit der immer wieder gestellten Frage:
"Wer ist die Schriftstellerin Elena Ferrante? Wie würden Sie sie definieren?"

Antwort: "Elena Ferrante? Dreizehn Buchstaben, nicht mehr, nicht weniger. Darin liegt die ganze Definition."
(Christiane Schwalbe)

Elena Ferrante ist das Pseudonym einer anonymen Bestsellerautorin, die 1943 in Neapel geboren ist und als wichtige Vertreterin zeitgenössischer italienischer Literatur gilt.

Elena Ferrante "Frantumaglia" Mein geschriebenes Leben
Suhrkamp, 499 Seiten, 24 Euro
eBook 20,99 Euro

Weitere Buchtipps zu Elena Ferrante
"Frau im Dunkeln"
"Lästige Liebe"
"Die Geschichte des verlorenen Kindes" Band 4 - der Neapolitanischen Saga
"Die Geschichte der getrennten Wege" Band 3 - Erwachsenenjahre
"Die Geschichte eines neuen Namens" Band 2 - Jugendzeit
"Meine geniale Freundin" Band 1 - Kindheit und frühe Jugend