Anna Enquist
Denn es will Abend werden

Vier Menschen, die ein gemeinsames Trauma verbindet: Als Streichquartett haben sich Jochim und Carolien, Heleen und Hugo regelmäßig auf dessen Hausboot getroffen, um zu musizieren, Spaß zu haben und Ruhe zu finden. Aber das gemeinsame Spiel wird eines Tages jäh unterbrochen – mit unerträglichen Folgen für alle.

 

Anna Enquist, Denn es will Abend werden. Luchterhand LiteraturverlagNach der Katastrophe

Sie werden von einem geflohenen Sträfling überfallen, das Hausboot fliegt bei einer von der Polizei geplanten Sprengung in die Luft, Carolien verliert den kleinen Finger der rechten Hand, sie wird nicht mehr Cello spielen. Hier endet Anna Enquist "Streichquartett". Ihr neuer Roman "Denn es will Abend werden", beginnt nach der Katastrophe – aber es ist nicht ganz leicht, ohne Kenntnis des ersten Teils in die Geschichte der traumatisierten Freunde einzusteigen, auch wenn immer wieder Bezug genommen wird auf die vergangenen Geschehnisse. Es sind gut situierte Bildungsbürger, die mit dem Erlebten nicht wirklich fertig werden. Heleen fühlt sich zutiefst schuldig, sie flüchtet sich in eine neues Leben als Fitnesstrainerin. Jochim und Carolien sind ein zweites Mal schwer getroffen, bei einem Unfall hatten sie ihre zwei Söhne verloren, seitdem lebten sie sprachlos nebeneinander her.

Flucht in die Depression

Diesmal schottet sich Jochim, der Instrumentenbauer, auch räumlich ab, sein neues Atelier wird zum Hochsicherheitstrakt, mit Alarmanlage und Pförtner. Seinen Sicherheitswahn versucht er auch im eigenen Haus umzusetzen. Carolien, die Kinderärztin, sieht apathisch zu, verliert jedes Gefühl für sich selbst, geht wie gelähmt durchs Leben:
"Bin ich depressiv? Und ob ich das bin. Kein Appetit, schlecht schlafen, zu nichts Lust haben, alles grau in grau sehen. Keine Therapie wollen, keine Medikamente in Erwägung ziehen, keine heilsamen regelmäßigen Spaziergänge bei Tageslicht."
Als auch noch ihr alter Cellolehrer stirbt, bricht ihre Welt vollends zusammen. Hugo, der Konzertmanager, dessen kleine Tochter die Katastrophe miterlebt hat, verfällt in blinden Aktivismus und tigert durch China. Mit ihm wagt Carolien einen Aufbruch – und lernt in Shanghai Leid, vorsichtiges Glück und erneute Verzweiflung kennen.

Gegen die Einsamkeit

Anna Enquist ist ausgebildete Konzertpianistin und Psychoanalytikern, ihre Liebe zur Musik und die Genauigkeit des analytischen Blicks prägen auch diesen Roman, in dem sie akribisch und  genau die zutiefst verstörten Freunde begleitet, ihre verletzten Seelen bloßlegt, die Schwierigkeit, loszulassen, Gefühle zu verdrängen und einen Weg zu finden, auf dem das Erlebte unsichtbar und ein Alltag möglich wird. Immer wieder wenden die Betroffenen die Frage nach Schuld und Zufall:
"Zufall, Zufall - der Mann war zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt und wollte sich aus dem Staub machen. Dass ihm das gelang, verdanken wir der juristischen Inkompetenz des Gefängniswesens."
Unterschwellig hält Jochim Heleen für schuldig, weil sie über einen Sozialverein mit dem Häftling korrespondiert hat , "gegen die Einsamkeit … durch sie wusste er, wo wir waren, was wir machten." Heleen macht sich selbst die schlimmsten Vorwürfe.

Teil des Lebens

Schuldzuweisungen, Panik, Hilflosigkeit und Wut – Anna Enquist spürt den widersprüchlichen Gefühlen und Ängsten nach, begleitet die Freunde bei ihren verzweifelten Versuchen, in der Realität wieder Fuß zu fassen. Warum sie sich bis zum Tag des Gerichtsprozesses aus dem Weg gehen, nicht in der Sackgasse landen, sondern die Katastrophe als Teil ihres Lebens anzunehmen beginnen, das schildert Enquist eindringlich und genau, manchmal etwas phrasenhaft und lapidar in den Erklärungen und allzu vertieft in die Innenschau der Personen, aber stets ohne falsches Pathos und mit genauem Gespür für die innere Zerrissenheit ihrer Figuren:
"Das Quartett. Dass es nicht gelungen ist, unser Quartett beisammenzuhalten. Welchen Anteil ich dran habe. Wir sind alle in eine andere Richtung geschossen. Ich hab's gesehen und nichts getan."
(Christiane Schwalbe)

Anna Enquist, *1945 in Amsterdam, wo sie auch heute lebt, Ausbildung zur Konzertpianistin, Studium der Klinischen Psychologie, zählt zu den wichtigsten niederländischen Autoren, mit zahlreichen internationalen Literaturpreisen ausgezeichnet

Anna Enquist: "Denn es will Abend werden"
aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
Luchterhand Literaturverlag 2019, 288 Seiten, 22 Euro
eBook 16,99 Euro

Weiterer Buchtipp zu Anna Enquist
Streichquartett