Milenko Goranović
Das Rot, das nach Asche riecht

"das begreifen eines stoffes mit den händen kann ebenso schön empfunden werden wie eine farbe vom auge oder ein klang im ohr."
(Otti Berger: Stoffe im Raum. In: Bauhaus-Sonderheft »Red«, 1930)

 

Milenko Goranović, Das Rot, das nach Asche riecht. Roman. Wieser VerlagEin Zauberschlösschen

Im Jubiläumsjahr des Bauhauses baut der Theaterkünstler und Autor Milenko Goranović eine eindrucksvolle Bühne für eine Frau, die 1944 in Auschwitz ermordet wurde, nachdem sie am Dessauer Bauhaus studiert und unterrichtet und in Berlin ein sehr erfolgreiches Studio für Textilien aufgebaut hatte. Otti Bergers Leben inspirierte ihn, und im ihr gewidmeten Roman gibt er ihr den Namen Ida Špieler. Jula, eine junge Frau aus Sarajevo, die Tochter eines in Sarajevo erschossenen Freundes des Ich-Erzählers, will ein Buch über die Beledija schreiben, ein altes Gebäude, das als Gefängnis diente und in dessen Geschichte viele Menschen verstrickt sind. Ida Špieler baute schon als Studentin ein Modell:
"…ein seltsames Modell aus Ton. Aus Pappe und Gips und Glas. Ein Zauberschlösschen zwischen Himmel und Erde, und als ob das nicht verwirrend genug wäre, sagte der Professor, das ist die Beledija."

Gläserner Traum

Nicht der Knast, der daraus geworden war, sondern ein gläserner Traum, den viele bauen wollten – als erster der 'Bauzauberer' Moritz Berger, der an die Stelle des alten Hinrichtungsplatzes einen Lichtpalast setzen wollte, jahrzehntelang an wechselnden Regierungen scheiterte und schließlich in Sarajewo erschlagen wurde. Ida, die in Sarajewo geboren wurde und vom Wunsch, Kunst zu schaffen, besessen war, fand seine Aufzeichnungen im plüschgrünen Heft, und dieses Heft wurde ihre Rettung, als sie noch ein kränkliches Kind war:
"Es war eigentlich weniger ein Heft, eher ihre Siebenmeilenstiefel. Und ihr Hund. Und ihre Katze, ihr alles! Ihre Rettung. Klingt komisch. Ist es auch. Dieses Heft gab ihr so viel Kraft, dass sie fliegen konnte, obwohl sie kein Wort und keine Zeichnung und schon gar keine Zahl in diesem Heft verstand."

Bedeutsame kleine Geschichten

Das immer wieder verlorene und wiedergefundene Heft und der Traum von der Beledija als Gegenbild zum Gefängnis sind Leitmotive des Romans. Der Ich-Erzähler lässt sich quer durch die Zeiten von ihnen leiten, die Geschichten der Menschen nachzuempfinden, deren Schicksale sich in Sarajevo kreuzten, denn das war auch mal seine Stadt. 1992 flüchtete er nach Deutschland, wie später auch der Autor, der bis 1995 in Sarajevo ein Theater leitete. Und die junge Jula übergibt ihm alles, was sie gesammelt hat:
"Seltsamerweise sind fast alle dieser kleinen, unwichtigen Geschichten erhalten geblieben, alle fein durchnummeriert und nach Thema sortiert, die konnte ich alle aus dem Matsch holen."
Bestechend an diesem Roman ist, wie bedeutsam die kleinen Geschichten werden, denn die Menschen, die sie erlebten, werden durch Goranovićs poetische und anschauliche Sprache zu leuchtendem Leben erweckt. Die schwierige Liebesgeschichte von Ida Špieler und dem Architekten Alexander Kukla, ihrem Švabo, ist sicher vom Leben von Otti Berger und ihrem Verlobten inspiriert, über das man kaum mehr etwas weiß. Doch Goranović malt die Leerstellen der Geschichte mit der großartigen Fantasie des Schriftstellers anrührend aus.

Passender Abschluss

Sein Roman fängt die Atmosphäre der produktiven und freien Bauhauszeit ebenso treffend ein wie die düsteren Jahre, als sich alle Türen für Ida Špieler schlossen, bis keine Flucht mehr möglich war.
In Sarajevo, wohin Professor Švabo nach dem Krieg zurückkehrt, schließt sich der Kreis,
"ein ziemlich passender Abschluss, nicht nur für die lange Reise von Chicago nach Sarajewo, sondern für sein ganzes Leben. Er war wieder da angekommen, wo er weg sein wollte, war wohl genau wie seine Ida immer schön im Kreis gelaufen."
Im Epilog erfahren wir vom vergeblichen Versuch, des Ich-Erzählers und wohl auch des Autors, an einem hoffnungsvolleren Ende zu basteln. Doch für jemanden aus Sarajevo relativiert sich die Hoffnungslosigkeit, auch wenn es nicht gut ausgeht, das lehrt die Geschichte dieser Stadt. Und dass in diesem Sommer auf dem Gelände der alten Beledija eine Galerie für moderne Malerei eröffnet wurde, hätte die Bauhauskünstlerin Otti Berger begeistert.
(Lore Kleinert)

Milenko Goranović, *1955 in Bosnien, seit 1994 in Deutschland, Theaterautor, Regisseur, Schauspieler und Dramaturg, lebt als freier Autor in Berlin

Milenko Goranović, "Das Rot, das nach Asche riecht"
Roman, Wieser Verlag 2019, 261 Seiten, 21 Euro
eBook 14,99 Euro