Neue Bcher

Zora del Buono, Judith Schalansky (Hrsg.)
Das Leben der Mächtigen
Reisen zu alten Bäumen

Meist sind sie sehr, sehr alt, die Mächtigen, sehr unterschiedlich, oft riesengroß, mitunter aber mickrig und zerzaust wie Old Tjikko, der älteste seiner Art auf der ganzen Welt. Eine Fichte, gewachsen im nördlichen Schweden.

 

Zora del Buono, Das Leben der Mächtigen, Matthes & Seitz 2015Ein Solitär

Wissenschaftliche Messungen haben ergeben, dass sie um das Jahr 7550 vor Christus bereits lebte; von ihrer Keimung an dauerte es weitere 2000 Jahre, bis der Mensch die Schrift erfand:
"…und dann dieser Baum, kleiner als erwartet, geradezu rührend schmächtig, wie er da steht als Solitär, ohne ein Schild mit Angaben über den Greis, einzig auf Kniehöhe umzingelt ihn ein Seil, damit man nicht auf die Nadelzweige tritt, die in Bodenhöhe wachsen, in dieser kauernden Krummholzformation, die sich wie ein Kranz um den Stamm herumlegt."

Kindheitserinnerungen

Mit Respekt nähert sich Zora del Buono der kaum fünf Meter hohen Fichte an und erzählt, warum die nordische Natur in Zeitlupentempo wächst und wie der Baum, benannt nach dem Hund eines Forscherpaars, sich den Klimawandel zunutze macht. In den apulischen Olivenhainen ihrer Kindheit begann ihr emotionales Interesse an Bäumen. Ein Jahr lang nahm sich die Mare-Herausgeberin und preisgekrönte Autorin Zeit, um fünfzehn der ältesten und größten von ihnen zu besuchen, immer in Begleitung ihres Hundes. Sie erfuhr, wieviel diese Giganten, die sie als großartige Persönlichkeiten wahrnimmt und beschreibt, uns zu sagen haben, wenn sich das emotionale Interesse mit botanischem Wissen und der Neugier auf das historische und kulturelle Umfeld verbindet.

In Ketten an der Dorflinde

Als die vierteilige Dorflinde von Schenklengsfeld im Jahre 760 gepflanzt wurde, war die Abwehr der Germanen gegen das Christentum noch spürbar, und 800 Jahre später diente sie dann als Gerichtslinde, unter ihrem Blätterdach der Pranger, an den Verurteilte gekettet wurden. Später lag am Lindenplatz ein jüdisches Geschäft neben dem anderen, denn mit Beginn der Aufklärung wuchs die jüdische Gemeinde, der man Wohnrecht gewährt hatte – bis die hundertsechsundsiebzig jüdischen Bürger nach 1933 für immer verschwanden, dreiundzwanzig von ihnen ermordet in Konzentrationslagern. Erst ein pensionierter Lehrer sorgte mit einem kleinen Museum dafür, dass man sich heute daran erinnert, wie das jüdische Leben rings um die Linde beschaffen war:
"Hier, genau an diesem Platz, an diesem Baum, fanden die exzessivsten Auswüchse einer jeden Epoche unmittelbar statt, es ist, als schaute man…durch ein Brennglas auf die Geschichte des Landes, dieses Dorf ist das Konzentrat Deutschlands, und das Erfahrene so aufwühlend, dass eine schlaflose Nacht noch das Harmloseste ist, was einem widerfahren kann."

Begegnungen mit Bäumen

Die Schweizerin mit den italienischen Wurzeln lässt sich vom Schicksal der Bäume berühren und faszinieren, und ihre Reisen in Europa und in die USA sind immer auch Zeitreisen, zu den großen Katastrophen, den kleinen Geschichten, oft auch Begegnungen mit Gefährten, die die Bäume erforscht haben oder für sie sorgen. Als die heute 1200 Jahre alte Stiel-Eiche in der Normandie, der man magische Kräfte nachsagte, von Revolutionären 1792 abgefackelt werden sollte, entfernte ein Lehrer das Mutter Gottes-Bild und erklärte sie zum Tempel der Vernunft, und der Baum blieb unbeschadet, bis heute:
"Ein sehr lebendiger alter Baum zudem, der wächst und gedeiht und seine Form verändert, der Schindeln sprengt und gegen Metallklammern kämpft, die in seine Äste einzuwachsen drohen."

Mit Sorgfalt gestaltet

Ein Jahr mit den Bäumen zu verbringen, schreibt Zora del Buono, habe ihren Blick auf das Leben verändert, denn jeder der "Mächtigen" interagiert mit anderen Arten, Tieren, Pflanzen, Pilzen und Flechten und bietet Lebensraum. Sie lösen Ehrfurcht aus, das die Autorin in ihren Reportagen und Fotografien mit Mitgefühl für die Ohnmächtigen anreichert, denn
"wir sind klein und mit nicht sehr viel Zeit beschenkt, … unsere Lebensspanne entspricht der durchschnittlichen Birke, einem der kurzlebigsten Bäume überhaupt."
Und der Band, der in der von Judith Schalansky herausgegebenen Naturkunden-Reihe erscheint, besticht durch seine auf Langlebigkeit angelegte Schönheit und Sorgfalt - ein Genuss und ein wunderbares Geschenk!
(Lore Kleinert)

Zora del Buono, Judith Schalansky (Hg.) "Das Leben der Mächtigen"
Reisen zu alten Bäumen
30 Abbildungen
Matthes & Seitz 2015, 147 Seiten, 32,00 Euro

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