Die Ephrussis
Eine Zeitreise

Im Oktober 38 schrieb Elisabeth de Waal, Tochter des Bankiers Viktor Ephrussi, an die eidgenössische Fremdenpolizei in Bern: "Es möge meinem Vater Herrn Victor von Ephrussi gestattet werden, in die Schweiz einzureisen und für die Dauer meines eigenen Aufenthalts bei mir zu wohnen…"

 

Die Ephrussis - eine Zeitreise. Hrsg. von Gabriele Kohlbauer-Fritz, Tom Juncker. Paul-Zsolnay-VerlagAllein und verlassen

"Im April dieses Jahres wurde sein in Österreich befindliches Vermögen zwangsweise von der Gestapo enteignet, und er musste sich verpflichten innerhalb vier Wochen das Reichsgebiet zu verlassen… Am 12. Oktober dieses Jahres starb seine Frau. Er ist seitdem vollkommen allein und verlassen… Mein Vater wird nur so lange in der Schweiz bleiben wie ich selbst."
Erst im März 1939 gelang es, ein Visum für die Einreise nach England zu beschaffen. Schon im April 1938 musste Viktor Ephrussi unter dem Druck der Gestapo auf seinen gesamten Besitz in Österreich, sein Palais an der Ringstraße und weitere Häuser, die Bürogebäude, Gobelins, Schmuck, Gemälde im Wert von Millionen verzichten.

Vergnügliche Anekdoten

Im reich bebilderten und mit vielen Dokumenten ausgestatteten Band bewegen sich viele kundige Autorinnen und Autoren auf den Spuren von Edmund de Waals Familienroman "Der Hase mit den Bernsteinaugen". Sie erzählen vom Aufstieg der Familie Ephrussi, der in den 1830er Jahren mit Getreidehandel in Odessa begann und in Paris und Wien in bedeutenden Bankenimperien gipfelte. In beiden Städten wirkten die Ephrussis als Kunstkenner und großzügige Förderer; Charles Ephrussi in Paris schrieb ein Buch über Dürer und sammelte Impressionisten, und als Edouard Manet  für sein Bild "Spargelbündel"  800 Francs verlangte und Ephrussi ihm 1.000 gab, weil es ihm so gut gefiel, schickte Manet ihm noch das kleine Bild eines einzelnen Spargels mit der Bemerkung: "Da fehlte noch einer im Bund." Vergnügliche Anekdoten findet man in dieser Zeitreise ebenso wie zahlreiche Zeugnisse für Raub und Verfolgung, und noch immer tauchen Kunstwerke auf, die einst den Ephrussis gehörten.

Miniaturen aus Elfenbein

Was Edmund de Waal, Urenkel des nach England geflüchteten Viktor Ephrussi, in seinem erfolgreichen Buch als besonderen Teil jüdischer Geschichte Europas mit ihren Verzweigungen und Fluchterfahrungen ausbreitete, wird in diesem Begleitband zur Ausstellung im Jüdischen Museum in Wien in einer ganzen Reihe kluger Aufsätze vertieft und anschaulich untermauert. Objekte, die de Waals Wiener Vorfahren jüdischen Einrichtungen gestiftet hatten, wurden jetzt durch seine Schenkung des Familienarchivs ergänzt, jenen Papieren, Fotos, Briefen und Andenken, die Viktor Ephrussi auf seiner Flucht aus Wien in zwei Koffern mitnehmen konnte. Die Netsuke, kleine, kunstvoll geschnitzte Figürchen, zu denen auch der berühmte, bernsteinäugige Hase gehört, fanden ebenfalls den Weg zurück ins Jüdische Museum nach Wien, als Leihgabe, und die 157 Miniaturskulpturen aus Holz oder Elfenbein in Tier-, Pflanzen- oder Menschengestalt werden zu Begleitern der Reise zu den Spuren, die diese Familie in Europa und der ganzen Welt hinterlassen hat.

Versunkene Zeit

Edmund de Waal betont, dass die Sammlung selbst immer wieder den Ort wechselte, und 79 ihrer Figuren ließ er versteigern, um den Erlös zur Unterstützung unbegleiteter Flüchtlingskinder zu spenden:
"Wir leben in wirklich düsteren Zeiten. Ich hätte nie gedacht, dass Politiker zu meinen Lebzeiten im Zusammenhang mit Flüchtlingen von "Ungeziefer" oder von "unerwünschten Personen" reden würden, vor denen wir uns angeblich schützen müssen… Die Geschichte meiner Familie handelt davon, wie sie zwischen Ländern gereist ist. Mein Urgroßvater wurde in Odessa geboren, kam nach Paris, wuchs in Wien auf und starb in England. Genau das ist für mich Europa: Immer wieder Grenzen zu überqueren."
(Interview in Der Standard, 6.11.2019)
Wer den "Hasen mit den Bernsteinaugen" kennt, wird die vielen zeit- und kulturhistorischen und familiengeschichtlichen Ergänzungen zu schätzen wissen, und für alle anderen ist dieser zweisprachige Band ein guter Einstieg in eine versunkene Zeit, deren Geschichte immer wieder neu geschrieben werden muss, für die Lebenden.
(Lore Kleinert)

Die Ephrussis "Eine Zeitreise"
hrsg. von Gabriele Kohlbauer-Fritz und Tom Juncker
Paul Zsolnay Verlag Wien 2019, 224 Seiten, 30 Euro