Byung-Chul Han
Lob der Erde
Eine Reise in den Garten

Der Name des Autors, der in Seoul aufwuchs und seit seinem Studium in Deutschland lebt und durch viele philosophische Werke berühmt wurde, bedeutet zwar "helles Licht", aber seine Zuneigung gehört Blumen, die Schatten lieben.

 

Byung-Chul Han, Lob der Erde - Eine Reise in den Garten. Ullstein VerlagHimmelsfee und Flötenspieler

Funkien zum Beispiel, die auch Herzlilien genannt werden, betrachtet er gern - durch sie wirke der Schatten prächtig und lichtgrün. Im Kapitel über die Funkien erfährt man nicht nur, auf welche altchinesische Legenden über die Himmelsfee und einen wunderbaren Flötenspieler der koreanische Name der Pflanze zurückgeht, der auf eine Haarnadel aus Jade anspielt, sondern auch einiges über ihre Nachbarn, den Fingerhut etwa, dessen Name wiederum den Philosophen Byung-Chul Han zum Nachdenken über die digitale Kultur und ihre Verabsolutierung des Zählbaren provoziert:
"Sein aber ist ein Erzählen und kein Zählen. Diesem fehlt die Sprache, die Geschichte und Erinnerung ist."

Quelle des Glücks

Sein Buch hätte auch "Versuch über den geglückten Tag" heißen können, denn die Gartenarbeit, der er sich drei intensive Jahre lang verschrieben hatte, war für ihn eine Quelle beständigen Glücks, an dem er die Leser mit klugen Reflexionen und einem Tagebuch vom Juli 2016 bis zum August 2017 teilhaben lässt. Zur unverhofften Wiederauferstehung seines Mönchspfeffers, der im Frühsommer neue Triebe auswarf, im August blau blühend, nach Goethe die Farbe des "reizenden Nichts", erfährt man, dass Mönche ihn im Mittelalter als Gewürz nutzten und vor allem als Anaphrodisiakum, gegen die "verwerfliche Fleischeslust".

Grazil und fein duftend

Den Efeu mochte der Autor und Philosoph nie besonders, da er die hellleuchtenden Schattengewächse den düsteren vorzieht, doch seine antike Bedeutung als Symbol für Rausch und später im Mittelalter für Liebe und Treue macht ihn ihm dann doch sympathisch. Überhaupt ist die stetige Begeisterung für die Pflanzen seines Gartens auch deshalb so ansteckend, weil er mit allem verschmilzt, aber immer auch gern abschweift und Kindheitserinnerungen mit Reiseeindrücken, Gedichten und anderen literarischen Fundstücken verbindet. Die einzig duftende Funkie, "So Sweet" benannt, preist er wie ein Liebender:
"So elegant, so grazil, zurückhaltend, vornehm und fein duftet keine andere Blume in meinem Garten. Ich würde gerne wie sie duften wollen."

Paradiesisch

Wer wollte das nicht? Sogar den Geruch einiger Giftpilze genießt der begnadete Gärtner und bedauert, sie nicht essen zu können, während er Dahlien und Nacktschnecken so wenig schätzt, dass er sie aus seinem Gartenparadies vertreibt: "Ich empfinde aber kein Mitleid für sie. Sie sind mir zu penetrant." Sich im Garten von der Mühsal des Lebens erholen zu können, ist ihm Lohn genug und zugleich Verpflichtung zum Schonen alles Schönen. Man folgt ihm gern, angeregt und mitunter amüsiert und freut sich zudem an den 24 wunderschönen Illustrationen von Isabella Gresser, zartweiß auf schwarzem Grund, von Bougainville bis Zaubernuss.
(Lore Kleinert)

Byung-Chul Han *1968 in Seoul/Südkorea und dort aufgewachsen, Studium in Deutschland, deutscher Autor und Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft in Berlin

Byung-Chul Han "Lob der Erde"
Eine Reise in den Garten
Mit Illustrationen von Isabella Gresser
Ullstein Verlag 2018, 160 Seiten, 24 Euro
eBook 22,99 Euro