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Gisela Burckhardt
Todschick
Edle Labels, billige Mode – unmenschlich produziert

Wer dieses Buch gelesen hat, kann guten Gewissens kein billiges T-Shirt mehr einkaufen, auch keine Jeans, Schuhe oder Taschen. Denn wie in Bangladesch, der sogenannten "Nähstube Europas", Textilien produziert und von weltweit agierenden Modekonzernen zum Schleuderpreis verkauft werden, das ist schlicht schockierend.

 

Edle Labels, billige Mode - unmenschlich produziert ,HeyneAlles für Europa

Billig, billig, billig muss es sein, hier in Europa, dem größten Absatzmarkt für Bekleidungsprodukte aus Bangladesch mit einem Anteil am Gesamtexport dieses Landes von 60 Prozent. Die Fabrikbesitzer im Produktionsland fordern Akkordarbeit und Überstunden in überfüllten Fabrikhallen zu Hungerlöhnen, von denen die Näherinnen kaum ihre Familie ernähren, geschweige denn für Schulbildung und Medikamente aufkommen können.

Kaum Entschädigungen

Erst seit der Katastrophe von Rana Plaza im April 2013, dem bisher größten Unglück in der Bekleidungsindustrie mit über 1100 Toten und 1800 Verletzten, bei dem eine ganze Fabrik einstürzte, gibt es ein vorsichtiges Umdenken – zumindest in Ansätzen. Um Entschädigungen drücken sich die Luxuslabels ebenso wie die Discounterriesen, die dort produzieren ließen, bis heute. Obwohl sie Milliarden verdienen.

Ohne soziale Verantwortung

Gisela Burckhardts umfangreiche Recherchen erzählen Geschichten von der Macht der Konzerne und ihren Lieferanten, die Frauen wie Sklaven für sich arbeiten lassen. Soziale Verantwortung, gerechter Lohn, menschenwürdige Arbeitsverhältnisse interessieren diese Fabrikbesitzer nicht. Sie stocken die Gebäude ohne Genehmigung oder Sicherheitsprüfung auf, lassen ungeschützte Elektroleitungen legen, installieren weder Alarmsysteme noch Rauchmelder, ignorieren Warnungen vor Rissen in den Gebäuden , verstellen Fluchtwege, lassen Gewerkschaften nicht zu. Behörden schauen weg, Korruption ist an der Tagesordnung, wer sich wehrt – und es gibt zunehmend Frauen, die das tun – wird entlassen.

Eine Hand wäscht die andere

Inzwischen gibt es Überprüfungen und Kontrollen, aber auch die sind mit Vorsicht zu genießen, dienen eher denen, die sie anbieten, als den Arbeiterinnen in den Fabriken. Die sogenannten Audits sind eine Goldgrube für die Prüfgesellschaften geworden:
"Ein Audit, für das oft nur zwei Prüfer ein bis zwei Tage beansprucht werden, kostet in Bangladesch zwischen 1200 und 2500 Dollar … viel Geld …und verständlicherweise erwarten die Fabrikbesitzer eine gute Bewertung. Kein Problem, schließlich wollen die Auditoren ihren Auftraggeber nicht verprellen. Da wäscht eine Hand die andere …"

Appell an Politiker und Verbraucher

Die Autorin deckt verheerende Produktionsbedingungen auf, sie verweist aber auch auf Bemühungen, die Zustände in Bangladesch zu verbessern. Aber das geht viel zu schleppend und wenig effektiv, deshalb fordert sie vom deutschen Gesetzgeber, die milliardenschweren Unternehmen verbindlich zu verpflichten, Sozialstandards einzuhalten, um die weitere Ausbeutung von Näherinnen in Bangladesch, aber auch in Kambodscha und Rumänien zu verhindern. Es geht um Verantwortung - auch der  Verbraucher, die nicht länger den T-Shirts und Hosen zum Tiefstpreis nachrennen, sondern umdenken sollten: Bewusster und kritischer einkaufen, auf öko-faire Mode umsteigen, Tauschen statt Neukauf, Schnäppchenjagd einstellen und auf einschlägige Textilsiegel achten. Ein Buch, das wirkungsvoll an unsere Moral appelliert.
(Christiane Schwalbe)

Gisela Burckhardt "Todschick"
Edle Labels, billige Mode – unmenschlich produziert
Heyne Nov. 2014, 240 Seiten, 12.99 Euro
eBook 9,99 Euro

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