Neue Bcher

Sineb El Masrar
Emanzipation im Islam - eine Abrechnung mit ihren Feinden

Engagiert und leidenschaftllich setzt sich Sineb El Masrar für die Emanzipation muslimischer Frauen ein - als Herausgeberin der multikulturellen Frauenzeitschrift "Gazelle", bis 2013 in der deutschen Islamkonferenz des Innenministeriums, mit "Muslim Girls - wer sie sind, wie sie leben" und nun auch in ihrem neuen Buch.

 

Sineb El Masrar Emanzipation im Islam. Eine Abrechnung mit ihren Feinden. Herder VerlagÜberlieferungen der Frauen

Islam bedeutet für die streitbare Muslimin mit marokkanischen Wurzeln: Barmherzigkeit und Güte, so hat sie es in ihrer Familie gelernt und erlebt. Umso abstoßender findet sie die heute verbreitete reaktionäre und ideologische Auslegung eines Islam, den nur machtbewußte Männer interpretieren. Dabei wurde einer der umfangreichsten und wichtigsten Überlieferungen - Hadithe - von Aischa, der jüngsten Frau Mohammeds verfasst. Auch zahlreiche andere Frauen haben zur Überlieferung von Handlungen und Aussagen des Propheten Mohammed beigetragen. Aber ihre Rolle wird verschwiegen. Bis heute konnten die Männer die alleinige Deutungshoheit über den Koran und seine Interpretationen für sich beanspruchen. Den muslimischen Männer wirft Sineb El Masrar deshalb vor, sie
"biegen sich den Koran und die Hadithen für sich zurecht", sie sind es, "die aus den göttlichen Offenbarungen Regeln konstruierten, um für ihre Männergesellschaft Vorteile und Bevorzugung zu gewinnen."

Neue Regeln der Männer

Während muslimische Männer "Zeitehen" von einer Stunde für eigene erotische Abenteuer 'erfinden' oder gar für die Dauer eines Studiums führen, um finanzielle Untersützung von einer Frau zu erhalten, von der sie nach dem Studium automatisch wieder geschieden werden, legen sie ohne Not für Frauen Regeln und Beschränkungen fest, die ihre Freiheit deutlich einschränken. Beispiel Arztbesuche: Frauen sollten sich nur von einer muslimischen Ärztin untersuchen lassen, wenn das nicht möglich ist, auch von einer nicht-muslimischen Ärztin, nur in der Not ist ein männlicher Arzt erlaubt - in Anwesenheit einer Krankenschwester.
"Da bleibt verständlicherweise keine Zeit mehr, sich im Haushalt einzubringen oder sich sonst wie im Leben nützlich zu machen", kommentiert die Autorin sarkastisch dieses Beispiel männlicher Regelwut.

Patriarchat

Muslimische Männer wollen das jahrhundertelang gepflegte Patriarchat auf jeden Fall sichern, und so halten sie den Einfluss der Frauen in engen Schranken, weil sie - wie El Masrar meint - Angst vor einer zunehmenden Bedeutungslosigkeit haben. Muslimische Frauen in Deutschland sind teilweise schon auf dem Weg, sich unabhängiger zu machen - durch mehr Bildung und vor allem durch eigene Arbeit, die ihnen eine größere (finanzielle) Autonomie und mehr Entscheidungsfreiheit ermöglicht. Eine (gebildete) Frau ohne eigenes Einkommen hat es deutlich schwerer.

Verbände

Den von Männern geführten muslimischen Verbänden in Deutschland begegnet El Masrar besonders kritisch – aus eigener Erfahrung. Sie war von 2010 bis 2013 Mitglied in der 2006 von Schäuble als Innenminister initiierten deutschen Islamkonferenz. Erst nach der Aufarbeitung der eigenen Rolle, einer Distanzierung von ihren extremistischen Rändern und einem deutschsprachigen Angebot für die junge Generation in den Moscheen kann – so El Masrar - ein gleichberechtigter Islam und damit auch eine Gleichberechtigung der muslimischen Frauen erreicht werden.

"Fordert Eure Rechte ein, seid nicht unterwürfig" appeliert sie an all' jene Frauen, die sich lösen wollen von gesetzten Dogmen, aber Angst haben, ausgegrenzt zu werden. Wobei sie das Kopftuch für alle, die es tragen wollen, akzeptiert, denn:
"Es gibt eine Selbstbestimmung mit Kopftuch. Diese Frauen lassen sich nicht für dumm verkaufen, sie schrecken nicht davor zurück, sich von ihrem Partner zu trennen ... Sie sind berufstätig, studieren und arbeiten."
Sie wehrt sich allerdings vehement dagegen, Töchter zwanghaft dahingehend zu erziehen,
"ihrer Familie keine Schande zu machen ... sie lernen, dass eine gute Muslima und Ehefrau sich verhüllt und gehorsam ist und vor allem Jungfrau zu sein hat."

Mutig und engagiert

Sineb El Masrar hat ein faktenreiches, informatives und vor allem mutiges und engagiertes Buch geschrieben, das dazu aufruft, umzudenken, den Koran aktiv aus Frauensicht zu interpretieren und sich aus einem fremdbestimmten Leben zu befreien:
"Daher sind wache Köpfe gefragt, die mit Mut und Courage all jenen Paroli bieten, die gegen Geschlechterungerechtigkeit im Namen des Islam agieren und sich keinen Bären aufbinden lassen wollen. Mutige und kundige Muslimas vor! Erinnert euch an unser weiblich-islamisches Erbe und brecht das Schweigen ... In diesem Sinne: Keine Ausreden mehr! Hade Yellah. Traut euch!"
(Peter Ehrenfried)

Sineb El Masrar *1981 in Hannover als Tochter marokkanischer Einwanderer, die Pädagogin ist seit 2006 Herausgeberin des multikulturellen Frauenmagazins "Gazelle", sie lebt in Berlin.

Geschwärzte Ausgabe: Das Buch „Emanzipation im Islam“ von Sineb El Masrar wird seit April geschwärzt ausgeliefert. Grund dafür ist eine einstweilige Verfügung, die die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs e.V. gegen einen vierzeiligen Passus erwirkt hat. Milli Görüs gilt wegen islamistischer und antisemitischer Tendenzen als umstritten.

Sineb El Masrar "Emanzipation im Islam"
Eine Abrechnung mit ihren Feinden
Herder Verlag 2016, 320 Seiten, 24,99 Euro
eBook 19,99 Euro

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