Neue Bcher

Holger Michel
Wir machen das
Mein Jahr als Freiwilliger in einer Unterkunft für Geflüchtete

Dieses Buch ist ein ebenso realistischer wie spannender Bericht - und eine Wertschätzung der Arbeit all derer, die sich vor zwei Jahren spontan und ungefragt engagierten und um Flüchtlinge kümmerten, als sie zu Hunderttausenden kamen: unerwartet, ungewollt, eine Belastung für Politik und Verwaltung. Ganz besonders schlimm war es in Berlin, das Chaos vor dem Lageso lieferte weltweit Schlagzeilen, für die sich jede BerlinerIn fremd schämen musste.

 

Holger Michel, Wir machen das. Kiepenheuer & WitschIrrenhaus

"Irgendwann, wir waren nur noch zwei Meter vor der alles entscheidenden Tür entfernt, kollabierte neben uns eine schwangere Frau, der das stundenlange Anstehen zugesetzt hatte. Es bedurfte einer absurden Diskussion mit der Security, um die Frau in den Raum auf einen Stuhl zu bekommen, denn wer nicht dran war, durfte nicht rein. … Berlin war ein Irrenhaus und wir hatten die Zentrale besucht."
Aber es gibt in Berlin auch positive Beispiele - die zweitgrößte Notunterkunft im ehemaligen Rathaus Wilmersdorf gilt als Modell für Organisation und Management, für Menschlichkeit, Fürsorge und Empathie, für hoffnungsvolle Anfänge einer Integration. Holger Michel wollte zusammen mit zwei Freunden eigentlich nur mal einen Nachmittag helfen, etwas tun angesichts der übermächtigen moralischen Aufforderung, sich zu engagieren für Geflüchtete.

Wir schaffen das

Das war im Spätsommer 2015, als sie zu Tausenden über die Balkanroute, übers Mittelmeer, über die Türkei oder sonstige abenteuerliche Wege kamen, Freiheit und Sicherheit suchten. Michel kam einen Nachmittag, blieb ein Jahr und ist immer noch dabei. Es gibt wenig Berichte, die über die bis heute schlagzeilenträchtigen Zustände im Lageso hinaus davon erzählen, was sich in den Notunterkünften abspielt. Sein Report tut es - unaufgeregt, analytisch, kritisch und präzise in der Beschreibung menschenunwürdiger Zustände, behördlicher Willkür, bürokratischen Irrsinns und – Hilflosigkeit. Auf allen Seiten. Aber er schreibt auch über Freundschaften, Teamgeist, Erfolge und Dankbarkeit.

Wir machen das

Angela Merkel gab die Parole aus "Wir schaffen das" – nur war niemand darauf vorbereitet. Also galt es, loszulegen, zu handeln, schnell und effektiv. "Wir machen das" war die weitaus wichtigere Ansage – und im Rathaus Wilmersdorf wurde gemacht. Eine große Schar von Helfern, die nicht lange fragten, sondern zupackten, organisierten, strukturierten, um hungrigen, kranken, erschöpften und verzweifelten Menschen ein Heim zu geben, Vertrauen und Ruhe nach Krieg und Flucht:
"Ich erinnere mich an einen Tag, an dem ein Rettungshubschrauber über das Haus flog. Wir wären als Kinder früher rausgerannt, am liebsten hinterhergelaufen und hätten dem Hubschrauber bei der Landung zugesehen. Doch hier rannten die Kinder ins Haus, zwei Mädchen fingen laut an zu weinen. Wir wussten nicht, was sie mit dem Hubschrauber in Verbindung brachten. Aber wir konnten es erahnen."
Holger Michel beschreibt das Innen-Leben der Wilmersdorfer Einrichtung, die Mühsal, Räume herzurichten, Spenden zu sichten und zu verwalten, Verpflegung zu organisieren, Dolmetscher aufzutreiben, Sanitäranlagen zu erklären, Spannungen zu kanalisieren, Sicherheit zu garantieren, Behördenanforderungen zu meistern, religiöse Animositäten aufzufangen und traumatisierte Menschen zu beruhigen.

Teamplayer

Was zum Wohle der Geflüchteten weitgehend reibungslos funktioniert hat, waren Kommunikation und Zusammenarbeit der Helfer und das Bewußtsein, als Teamplayer zu arbeiten, persönliche Fähigkeiten zu entdecken und zu nutzen, sinnvolle hierarchische Strukturen aufzubauen, in denen sich alle zurechtfinden konnten und: Ansagen zu machen. Denn 800 und später über 1000 Menschen vorwiegend muslimischen Glaubens aus 32 Nationen und 17 konfessionellen Gruppen so zu betreuen, dass sie friedlich miteinander leben konnten, das ist bis heute ein Kunststück. In Wilmersdorf hat man es geschafft, trotz wiederholter falscher Meldungen über interne Konflikte und angebliche Schlägereien.

Gegenseitiger Respekt

Michel bezieht die Kölner Ereignisse in der Silvesternacht und aktuelle Terroranschläge bis zum Herbst 2016 in Deutschland ein, berichtet, welche Ängste diese Vorfälle bei den Geflüchteten auslösten, die sich plötzlich kollektiv verurteilt und angegriffen fühlten: Islam ist gleich Terror. Vor dem Terror waren sie doch gerade geflüchtet. Michel erzählt bewegende Geschichten von individuellen Schicksalen, der Kraft gemeinsamen Handelns, der nahezu unerschöpflichen Energie derer, die sich weder von unverständlichen Behördenmitteilungen, noch endlos aufgeschobenen Finanzbewilligungen oder abstrusen Anordnungen unterkriegen ließen. Und er erzählt von der eigenen Veränderung, von gegenseitigem Lernen, von Achtung und Respekt füreinander.

Fundamentale Kritik

Ein engagiertes und aufrüttelndes Buch, das einem oft den Atem raubt. Mit einer Unmenge von Beispielern und mit viel fundamentaler Kritik an der Unfähigkeit von Verwaltungen, die Flüchtlingskrise organisatorisch und menschenwürdig zu bewältigen. "Wir machen das" möchte man am liebsten all jenen Politikern und Bürokraten auf den Schreibtisch legen, die mit der Registrierung, Unterbringung und Integration von Geflüchteten beauftragt sind, und sagen: Lest das, damit ihr versteht, warum die vielzitierte Willkommenskultur bei Respekt und Menschlichkeit des Einwanderungslandes beginnen muss.
 'Wir'. Ein großes Haus, ein großes Experiment. Und Menschen. … Noch immer wissen wir nicht genau, was 'schaffen' bedeutet. Aber wir wissen heute, wer 'wir' ist. Wir haben uns gefunden, haben uns zusammengeschlossen, haben gelernt, uns motiviert und mitgezogen. Wir machten es einfach. Und machen weiter.
Im vergangene Jahr haben sich acht Millionen Menschen in Deutschland für Geflüchtete engagiert. Auch sie sind das "Wir"
(Christiane Schwalbe)

Holger Michel, *1980 in Berlin, nach seinem Kommunikationsstudium machte er sich 2009 mit einer Kommunikationsagentur selbstständig, ist ehrenamtlich auch in der psychosozialen Hilfe für Überlebende des Holocaust tätig.

Holger Michel stellt sein Buch am 4. April ab 20 Uhr im Deutschen Theater in Berlin vor.

Holger Michel "Wir machen das"
Mein Jahr als Freiwilliger in einer Unterkunft für Geflüchtete
Kiepenheuer & Witsch 2017, 288 Seiten, 14,99 Euro
eBook 12,99 Euro

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