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Matthias Lohre
Das Erbe der Kriegsenkel
Was das Schweigen der Eltern mit uns macht

Matthias Lohre, Das Erbe der Kriegsenkel. Was das Schweigen der Eltern mit uns macht. Gütersloher Verlagshaus Sie waren der Nazi-Erziehung ausgesetzt, haben während der Flucht oder im Grauen der Bombennächte schwere Traumatisierungen erlitten, sie über Jahre hinweg mit sich herumgeschleppt und in den Zeiten von Wiederaufbau und Wirtschaftswunder verdrängt.

 

Vererbte Traumata

Diese Generation der sogenannten Kriegskinder, geboren zwischen 1928 und 1947, haben Leid und Traumata an ihre Kinder weitergegeben, die sogenannten Kriegsenkel, geboren zwischen 1955 und 1975.
"Sie waren zu jung für den direkten Fronteinsatz. Aber alt genug, um Hunger, Vertreibung und Bombenangriffe zu erleiden, den Verlust von Angehörigen, Trennungen und Todesangst."

Überlebensschuld

Seit einigen Jahren widmet sich die Forschung diesen tiefen Ängsten und Folgen der seelischen Belastungen der Kriegskinder, Nachkriegskinder und Kriegsenkel, die sich über Generationen hinweg weitertragen und für zahlreiche Fülle von körperlichen und psychischen Störungen verantwortlich sind. Anhand von Lebensgeschichten und Biografien werden die langfristigen Auswirkungen vor allem des Zweiten Weltkriegs bis in die dritte Generation hinein nachgewiesen. Kriegskinder, deren Väter, Brüder oder Onkel im Krieg gefallen sind,
"empfinden eine Überlebensschuld … wachsen in dem Glauben auf, sich ihre Daseinsberechtigung erst verdienen zu müssen."

Spurensuche

Matthias Lohre ist 1976 geboren, ein Kriegsenkel. Nach dem plötzlichen Unfalltod seines Vaters beginnt der Journalist und Autor eigene schwere Träume und Stimmungsschwankungen genauer zu betrachten, begibt sich auf eine Spurensuche, die ihn die möglichen Ursachen seiner langjährigen psychischen Störungen in neuem Licht betrachten lässt. Die familiäre Spurensuche reicht bis tief in die Generation der Großeltern, fördert Ablehnung und Emotionslosigkeit zutage, fehlende Lebensfreude, Depressionen und Familienstrukturen, in denen keine Liebe spürbar war, allenfalls notwendige Fürsorge.

Gefühl der Unsicherheit

Emotionalen Nebel oder bleierne Schwere nennen Kriegsenkel diesen Zustand, der sie trotz einer behüteten Kindheit in relativem Wohlstand im Gefühl der Unsicherheit gegenüber den Eltern gefangen hält:
"Wir wussten nicht, was Nazizeit, Krieg und Nachkrieg in ihnen angerichtet hatten, und was das mit unserer persönlichen Seelenlast zu tun hat. Wir blieben gefangen in der kindlichen Annahme, dass wir etwas falsch gemacht haben mussten, das sie wütend oder traurig gemacht hatte."
Das Ergebnis sind Schuldgefühle, Leistungsdruck, ein schlechtes Gewissen. Lohre befragt noch lebende Angehörige, besucht sein Heimatdorf, überwindet seine innere Scheu und wagt es, Fragen zu stellen. Er bekommt offene Antworten, verknüpft sie mit den Analysen von Traumatherapeuten und mit wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Der Weg zum Ich

Ein sehr persönliches Buch, gleichermaßen aufschlussreich für die Kriegs- und Nachkriegsgeneration und für die Kriegsenkel, das zahlreiche allgemeingültige Rückschlüsse zulässt, eine Fülle wichtiger Informationen zusammenträgt und den mühevollen Weg weist, endlich bewusst das eigene Ich zu entdecken.
"Denn wer als Kind nicht gesehen wurde, der entwickelt keinen Blick für sich selbst."
(Christiane Schwalbe)

Matthias Lohre*1976, Journalist für DIE ZEIT und ZEIT online und Autor, lebt in Berlin

Matthias Lohre "Das Erbe der Kriegsenkel"
Was das Schweigen der Eltern mit uns macht
Gütersloher Verlagshaus 2016, 256 Seiten, 19,99 Euro
eBook 15,99 Euro

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