2029 - Geschichten von morgen

Den sprechenden Kühlschrank gibt es schon, auch Alexa und Siri als digitale Assistenten im Haushalt oder Yoshi und Yolanda im Zimmerservice von Hotels in Singapur. Roboter sind in der industriellen Produktion längst selbstverständlich und sollen eines Tages als Senior Robots in der Altenpflege eingesetzt werden.

 

 2029 - Geschichten von morgen. Hrg. Stefan Brandt, Christian Granderath, Manfred Hattendorf. SuhrkampPerfekte Partnerschaft

Das Verhältnis Mensch-Maschine ist so allgegenwärtig wie die Diskussion, was Künstliche Intelligenz kann und darf. Darf sie auch Liebe und wenn ja, wie? Davon erzählt Emma Braslavsky in ihrer Liebesgeschichte zwischen einer "reifen, erfahrenen Frau" und einem Androiden - der "ideale Mann, ein Partner, wie ihn eine moderne, selbstbestimmte und berufstätige Frau ... braucht." Aber diese Liebe zwischen Alma und Tom kann auf Dauer nicht geheim bleiben - schlecht für Alma, eine international bekannte Paartherapeutin, die Menschen aus Fleisch und Blut berät. Tom indes entwickelt ganz ungeplant individuelle Eigenwilligkeiten. 
"Ich liebe dich, obwohl du kein Hubot bist, sagt Tom. ... Wie kannst du mich lieben? Was fühlst Du überhaupt? ... Dich. Deine Geschichte. Ich bin jetzt ein Teil von deiner Welt, Alma."
Als er Almas Freunde kennenlernen will, beginnt eine tragische Entwicklung, denn wirklich fühlen kann ein Hubot eben nicht, wenn er leidenschaftlich küsst.

Arbeitskraft erhalten

Um wirkliches Fühlen geht es auch zwischen Minna und Robin nicht, sie leben in Neu-Berlin:
"… der Liebesalgorithmus ... hatte sie füreinander bestimmt - und in Sachen Größe, Alter und Statur sind die beiden wirklich kein schlechtes Paar. Bildung und Einkommen ähnelten sich ebenfalls sehr ... "
Sie haben sich für ein Kind entschieden, das allerdings von einer "Halterin" zur Welt gebracht werden soll. Natürliche Befruchtung und die damit einhergehende Schwangerschaft gelten als "Praktiken aus dem dunklen Zeitalter der Menschheit." Die Arbeitskraft der Frau und ihre Gesundheit müssen der Gemeinschaft unbedingt erhalten bleiben:
"Die schmale Fußfessel surrt zufrieden und übermittelt die Daten an die Krankenkasse ... auch die von Minna abgeradelte Kilometerzahl wird ihr von der Krankenkasse gutgeschrieben. … kurz nach der Revolution wurde das Stadtrecht der Metropole ausschließlich nach dem gesundheitlichen Zustand und dem Vermögen nach vergeben."
Olga Grjasnowa beschreibt die komplett kontrollierte Existenz hinter hohen Mauern, Wärmebildkameras und Schießanlagen. Draußen aber lockt Alt-Brandenburg mit "echtem" Leben – lebensgefährlich.

Nicht nur Schreckensvisionen

In den elf Geschichten geht es um Möglichkeiten und Grenzen künstlicher Intelligenz, aber die AutorInnen haben nicht nur Dystopien im Blick oder die totale und totalitäre Überwachung, wie in Dirk Kurbjuweits vollautomatischem Haus, dem seine Besitzer nicht mehr entkommen können. Sie erzählen auch von dem, was künstliche Intelligenz möglich macht – mit Übersetzungschips im Ohr und Holoskype:
"Stellen Sie sich vor, Sie könnten ein Leben lang mit ihrer Großmutter sprechen. Nicht persönlich ... aber mit Hilfe technologischer Mittel. Also per Telefon, HoloSkype. Auch nachdem ihre Großmutter gestorben ist."
Omas Küchentipps noch nach ihrem Tod? Keine Zauberei, es müssen nur genügend Daten dokumentiert sein – womit wir wieder in der Gegenwart wären, in der fast jeder von uns den Datenkraken Google, Facebook & Co. jede Menge persönlicher Daten freiwillig liefert.

Die Zukunft hat längst begonnen

"Ganz sicher können wir uns also nicht sein, dass die Grenze zwischen Mensch und Maschine nicht doch in einer näheren Zukunft irreversibel überschritten wird." Sagt Stefan Brandt vom Futurium in Berlin im Vorwort zu "2029". Das Buchprojekt entstand in Kooperation von SWR, NDR und seinem "Haus der Zukünfte", in dem man heute schon interaktiv erleben kann, wie wir morgen – vielleicht – leben. Zum Glück vergessen die Schriftstellerinnen und Schriftsteller nicht die archaischen Widerständler, die sich der uniformierten Gesellschaft entziehen - wie eine rebellische Großmutter:
"Sie hat trotz mehrmaliger Aufforderung ihre Tabletten gegen asoziales Verhalten wie Aggressionen und manische Freude nicht genommen. Sie war betrunken. Sie hat unsere Pfleger unsittlich berührt. Sie hat geraucht. Und sie siezt alle!"
So angelegt, dass sie Material für TV-Filme liefern können, nicht durchweg spannend, aber anregend allemal, entwerfen diese Geschichten "eine nahe, eine vertraute Zukunft - keine zeitlich weit entfernten Science-Fiction-Sepktakel, keine dystopische Apokalypse".
(Christiane Schwalbe)

2029 - Geschichten von morgen
Hrg.von Stefan Brandt, Christian Granderath, Manfred Hattendorf
Suhrkamp 2019, Taschenbuch, 541 Seiten, 18 Euro