André Heller
Zum Weinen schön, zum Lachen bitter
Erzählungen aus vielen Jahren

"Man wird als Kellner geboren. Das ist kein Beruf, das ist ein Zustand ... Die klugen Fürsten und die klugen Kellner bringen Frieden in die Welt. K. und K. brauchen wir: Kaiser und Kellner. Das war schon das Geheimnis der alten Monarchie. Dienstboten und Herrscher waren unsere Stärke. Dazwischen klaffte in Österreich immer ein tragisches Vakuum."

 

André Heller, Zum Weinen schön, zum Lachen bitter. Erzählungen. Verlag Paul ZsolnayBegegnung mit einem Riesen

Hellers Liebeserklärugen an seine Wiener Heimat sind nie uneingeschränkt, ein kleiner, scharfer Seitenhieb ist immer dabei. Kellner sind gerade in Wien eine besondere Spezies sind, sie sind Wissende, denn: "Als Gast ist man der, für den man gehalten werden will, und mir soll's recht sein. ... Die Vorahnungen eines guten Kellners gehen tief ins Hellseherische." Wien ist zentraler Punkt Hellerscher Geschichten, schließlich ist er hier geboren und aufgewachsen und hat unvergessliche Erlebnisse: "Im Tropensaal des Schönbrunner Palmenhauses lernte ich als Zwölfjähriger einen Riesen kennen." Es ist der Gattinger Leopold, dessen Vater Portier bei den Ausgestopften ist. Ein nächtlicher Geheimspaziergang durch das Naturhistorische Museum wird zur Expedition - durch Wüsten und Wälder, Ebenen und Gipfel, Wasser und Lüfte dieser Welt - "ein Depot der Erinnerungen an Gottes schönste Werke aus seiner manischen Phase."

Exotische Welten

Hellers Geschichten sind buchstäblich Sprach-Bilder. Selbst wernn man den zentralen Platz von Marrakesch, den Djemaa el Fna, nicht kennt – mit seiner Beschreibung ist man mittendrin:
"Das Trommeln und die gutturalen Anrufungen der Fröhlichkeitsgeister durch muschelbestickte Musikanten und Tänzer, webt mit dem Glockengeläute der Wasserverkäufer und dem Stimmenkonzert der Märchenerzähler, Wunderheiler, Schlangenbeschwörer, Wahrsager,und Koranprediger ein Klangmuster von einzigartiger Intensität und Rauschhaftigkeit."
Heller, der "abwechselnd in Wien, Marrakesch und auf Reisen" lebt, fängt Stimmungen ein, den Zauber fremder Atmosphären und ist selbst so etwas wie ein Gaukler, der Menschen verzaubern will. Als Multimediakünstler, Sänger, Zirkusgründer, Poet, Dichter, Schauspieler und Opernregisseur hat er Visionen umgesetzt: Zirkus Roncalli, verwunschene Gartenparadiese, fliegende Skulpturen, Revuen und Theater, zuletzt die Inszenierung von Richard Strauss' "Rosenkavalier" an der Berliner Staatsoper. Nahezu unerschöpflich aber ist sein Vorrat an Geschichten aus dem Leben, wahre und fiktive - überraschend, tragisch oder melancholisch, märchenhaft und politisch, fein beobachtet, virtuos und mit Witz erzählt.

Eine Semmel mit Krakauerwurst bringt in verzwickten Situationen auf klare Gedanken, magisch angezogen folgt der Autor einer traurigen, verzweifelten Gestalt, die sich schließlich als ehemaliger Bundespräsident Kurt Waldheim entpuppt, und die quälende Lebensbilanz eines Komponisten endet mit der sarkastischen Bemerkung:
"Da darf sich Gott nicht wundern, wenn die Kritiken desaströs schlecht ausfallen. Am Anfang die Katheder der Schulmeister und am Ende die Katheter der Urologen."

Im "Buchtelolymp"

Greta Garbo und Marlene Dietrich sind "zwei vertrackte lachsüchtige Frauenzimmer, die ihrem Jahrhundert zuweilen Diamanten auf die Augen gelegt hatten." Wien, verspottet und geliebt, liegt "zwischen Allerheiligen und Allerseelen" und das legendäre Hawelka gehört zu seinen Jugenderlebnissen - auf Empfehlung seines Zeichenlehrers geht er dorthin, erlebt das "Dunkel der Hawelkawelt", wo sich die Verlorenen und die Gescheiterten treffen. Im "Buchtelolymp" hört und erzählt man sich Geschichten – hier regieren "Selbstbetrug, die Erinnerungssüchtigkeit, das Kritisieren und das Sich-Stilisieren." Es ist der scharfe, entlarvende und doch liebevolle Blick, der Hellers Erzählungen zum großen Lesevergnügen macht.
(Christiane Schwalbe)

André Heller *1947 in Wien, Roncalli-Zirkusgründer, Poet, Dichter, Schauspieler und Opernregisseur, lebt in Wien und Marrakesch

André Heller "Zum Weinen schön, zum Lachen bitter"
Erzählungen aus vielen Jahren
Zsolnay 2020, 256 Seiten, 23,70 Euro
eBook 16,99 Euro, AudioCD 14,59 Euro

Weiterer Buchtipp zu André Heller
"Das Buch vom Süden"