Lily Brett
Alt sind nur die anderen

Als sie einen Hydranten am Broadway mit einem Hund verwechselt und einer großen grauhaarigen Frau zuwinkt, ist es soweit: Sie geht zum Augenarzt.

 

Lily Brett, Alt sind nur die anderen. SuhrkampFrisch geputzt

Denn auch jene Frau war ein optischer Irrtum, Lily Brett hat sie für ihren Mann gehalten. Eine Operation des Grauen Star wird unumgänglich, die Überraschung danach ist groß, denn plötzlich ist die Welt wie frisch geputzt. Beim nunmehr geschärften Blick in den Spiegel, den sie ohnehin zu meiden versucht, ereknnt sie sich kaum wieder. Aber die Autorin, inzwischen 73 Jahre alt, betrachtet das Älterwerden ohnehin heiter, manchmal sarkastisch, stets mit Humor. Zudem ist es schwierig, in ihrer Wahlheimat alt zu werden:
“Sich jung zu fühlen fällt in New York leichter als an anderen Orten. Hier herrscht die Überzeugung, wenn nicht gar der Glaube, dass jeder jung ist. ... Man wird Miss genannt, ganz gleich, ob man eine zehnjährige Zahnspangenträgerin ist oder achtzig und am Stock geht.”

Überraschende Entdeckungen

Es sind die kleinen Erlebnisse, die Lily Brett daran erinnern, dass sie nicht mehr jung ist – im Apple-Store helfen ihr gleich zwei junge Männer dabei, das neue iPad einzurichten, in einem Tonfall, mit dem man einer Dreijährigen etwas erklärt. Spezielle Webseiten, so die Empfehlung, auf denen es um Gesundheits- oder besser Krankheitsfragen geht, sollte man besser gar nicht erst abonnieren, und in einer dicht bevölkerten Großstadt zu leben, ist unbedingt dem Leben auf dem Land vorzuziehen – schon wegen der Nähe zu Notfallkliniken und Krankenhäusern. Außerdem gibt es immer etwas Neues zu entdecken:
“Letzte Woche entdeckte ich einen Billigladen im Souterrain einer ehemaligen Synagoge, die inzwischen ein buddhistischer Tempel ist. Diese Verbindung zwischen religiösen Überzeugungen fand ich aufregend.”
Ganz abgesehen davon, dass sich der Laden als typische Fundgrube entpuppte – von Lebensmitteln über Waschpulver und Papierwaren bis zu Brautkleidern gibt es dort fast alles. Apropos Kleider: Die läßt sie sich vertrauensvoll schneidern, seit Jahrzehnten, mit kleinen Veränderungen:
“Graham führt Buch darüber, welche Kleidergröße ich jeweils habe. Ich habe ihn gebeten, dieses Wissen nicht mit mir zu teilen.”

Eine Liebeserklärung

Lily Bretts Kolumnen, veröffentlicht in der “Brigitte Wir”, sind humorvolle Alltagsbetrachtungen und zugleich Liebeserklärung an eine Stadt, in der sie seit über dreißig Jahren lebt und die das Altern definitiv schwer macht:
“Die Straßen sind eine Theaterbühne mit ständig wechselndem Programm. Alle paar Schritte taucht eine neue Szenerie auf ... Und dann ist da noch die Geräuschkulisse. Eine beinahe melodische Abfolge von Taxihupen, dem leisen Brummen der Metro ... und der Sirenen von Rettungswagen und Feuerwehrfahrzeugen.”
Ob Jugendwahn und Schönheitsoperationen (die sie verweigert), stressige Haustiere oder die übliche Hektik in New York, die Vorstellung, spätere Lebensjahre Schokolade essend im Liegestuhl zu verbringen, ob fettfreier Joghurt mit Getreideflocken oder Gedanken über die passende Kleidung bei der eigenen Beerdigung – Lily Brett umkreist lakonisch und vergnüglich das Thema Alter – melancholisch, auch mal traurig, vor allem aber entspannt.
(Christiane Schwalbe)

Lily Brett *1946 in Feldafing/Bayern, aufgewachsen in Australien, später in die USA ausgewandert, australisch-amerikanische Schriftstellerin, lebt in New York

Lily Brett "Alt sind nur die anderen"
Aus dem amerikanischen Englisch von Melanie Walz
Suhrkamp 2020, 82 Seiten, 15 Euro
eBook 12,99 Euro

Weiterer Buchtipp zu Lily Brett
"Lola Bensky"