Jonathan Safran Foer
Wir sind das Klima
Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können

Klimawandel ist in der öffentlichen Wahrnehmung immer noch eine abstrakte Größe – daran haben auch zwei extrem heiße Sommer nichts geändert, nicht die zunehmenden Überschwemmungen weltweit oder die extremen Waldbrände in Australien, nicht die "historische Tragöde" von Hurrikan Dorian, der im letzten Jahr über den Bahamas wütete.

 

Jonathan Safran Foer, Wir sind das Klima! Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können. Kiepenheuer und WitschKeine Einsicht

Das ist offenbar alles zu weit weg - wie das Abschmelzen von Gletschern und Polareis und Permafrostregionen. Jonathan Safran Foer rückt die Fakten in Sichtweite, versucht ein Gefühl dafür zu wecken, was Klimawandel für die Menschheit und den Planeten bedeutet. Dabei geht er durchaus persönlich und zweifelnd vor, denn wer den Klimawandel ernst nimmt, muss sein Verhalten ändern, vor allem seine Essgewohnheiten. "Tiere essen", sein leidenschaftlicher Appell gegen den Fleischkonsum, wurde ein internationaler Bestseller, ein Kultbuch gar – aber haben öffentliche Aufmerksamkeit und persönliche Lektüre das Verhalten der Menschen nachhaltig verändert? Vielleicht kurzfristig.

Kritik am eigenen Verhalten

Safran Foer gibt zu, selbst nicht konsequent genug zu sein, um komplett auf Fleisch zu verzichten:
"Manchmal rede ich mich damit heraus, wie schwer es sei, für zwei nörgelnde Kinder zu kochen. Manchmal bog ich mir die Wahrheit zurecht und nannte mich 'quasi vegan'. In Wahrheit war mir die ehrliche Antwort nur zu peinlich. Meine Lust auf Käse und Eier war größer als meine Bereitschaft, Tierquälerei und Umweltzerstörung zu verhindern."
Auf den Kern des Problems kommt der Autor erst nach 77 Seiten. Wie andere vor ihm, hat er sich nicht getraut, gleich mit der Tür ins Haus zu fallen, d.h. die Massentierhaltung – und in der Folge den Fleischkonsum - als Haupttäter an den Pranger zu stellen, verantwortlich zu machen für einen CO2-und Methan-Ausstoß, der das Klima aus dem Gleichgewicht bringt. Denn erklärtermaßen "kann man damit keinen Blumentopf gewinnen".
"Ich würde sagen, dass wir zwar etwas essen müssen, aber nicht unbedingt tierische Produkte … und wir müssen sie auf keinen Fall in den historisch nie da gewesenen Mengen verzehren wie im Moment."

Den Schaden haben die anderen

Weil es so schwer ist, Menschen Aufmerksamkeit abzuringen für etwas Ungeheuerliches – nämlich die langfristige Zerstörung unserer Umwelt – greift Foer immer wieder auf Vergleiche mit dem Holocaust zurück: "Unsere inneren Alarmanlagen sind nicht für abstrakte Gefahren gebaut." Die geplante Vernichtung eines ganzen Volkes – so Foer - überstieg die Vorstellungskraft der Menschen, deren Gewissen nicht rechtzeitig genug alarmiert wurde. Foer selbst ist alarmiert, appelliert an Moral, Verstand und Gefühl, listet immer wieder Fakten auf, die klar und eindeutig für den Klimawandel sprechen: Wir sind mittendrin. Und gefährden jene Menschen, die der Umwelt viel weniger schaden – aber den größten Schaden haben. Ein Beispiel:
"Die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung sind für die Hälfte des CO2-Ausstosses verantwortlich, die ärmste Hälfte der Menschheit dagegen nur für zehn Prozent….Schätzungsweise sechs Millionen Bangladeschi wurden durch Umweltkatastrophen wie Sturmfluten, Wirbelstürme, Dürren und Überschwemmungen bereits obdachlos, und es ist abzusehen, dass in den kommenden Jahren noch Millionen weitere dazu kommen werden."

Revolution oder Resignation

Foer zieht sogar eine Revolution in Erwägung, plädiert gegen fossile Brennstoffe, für eine CO2-Steuer, für fußgängerfreundliche Städte - aber er ist nicht radikal, er attackiert Politik und Wirtschaft nur mäßig. Er polarisiert auch nicht zornig wie die Bewegung Fridays for Future, kritisiert nicht die halbherzigen Maßnahmen gegen die Erderwärmung, sondern appelliert: Passt auf, tut selbst was, sonst ist es zu spät. Und fangt beim Frühstück an. Er hat recht – und ist doch zu zaghaft. "Tiere essen" war empörter, zorniger und hat - vielleicht - mehr  Menschen zum Umdenken gebracht.
(Christiane Schwalbe)

Jonathan Safran Foer *1977 in Washington, USA, US-amerikanischer Schriftsteller, lebt in New York

Jonathan Safran Foer "Wir sind das Klima"
Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können
aus dem Amerikanischen von Stefanie Jacobs und Jan Schönherr
Kiepenheuer & Witsch 2019, 336 Seiten, 22 Euro
eBook 18,99 Euro , Audio-CD 15,45 Euro

Weiterer Buchtipp zu Jonathan Safran Foer:
Tiere essen