Liz Moore
Long Bright River

"Ich drücke mich vor Dingen, die ich mir nicht eingestehen will, wende mich von allem ab, was ein peinliches Licht auf mich werfen könnte, laufe davor weg, statt mich dem zu stellen. Was das angeht, bin ich ein Feigling."

 

Liz Moore, Long Bright River. Verlag C.H. BeckBlick in die Vergangenheit

Keine gute Voraussetzung für ein erfolgreiches und erfülltes Leben, aber die Streifenpolizistin Michaela 'Mickey' Fitzpatrick stellt auch keine großen Ansprüche. Sie versucht, nicht besonders aufzufallen und sich als alleinerziehende Frau um ihren kleinen Jungen zu kümmern. Als in Philadelphias Problemviertel Kensington junge, drogensüchtige Prostituierte ermordet aufgefunden werden, beginnt sie, sich ihrer Vergangenheit zu stellen, denn sie fürchtet, ihrer Schwester Kacey, die auf der Straße lebt, könne dasselbe passieren.

Raus aus dem Elend

Während sie sich heimlich in die Jagd nach dem Mörder einklinkt - eigentlich nicht die Aufgabe von Streifenpolizisten - blickt die Ich-Erzählerin zurück auf ihr Leben und versucht, ihre eigene Familiengeschichte und den Absturz Kaceys in die Drogensucht zu verstehen.
"Bin ich schwach? Wahrscheinlich in gewisser Weise: stur vielleicht, verbohrt, störrisch, unwillig, Hilfe anzunehmen, selbst wenn es gut für mich wäre. Auch körperlich ängstlich: keine Polizistin, die sich als Erste schützend vor einen Freund werfen würde, um eine Kugel abzufangen… Arm: ja. Schwach: ja. Dumm: nein. Ich bin nicht dumm."
Liz Moore entwirft auf dem Hintergrund einer einst blühenden Stadt, deren Krise einen Großteil der Menschen ins Elend und viele in die Drogenabhängigkeit zieht, das Bild einer irisch-stämmigen Familie, für die geistige Arbeit und höhere Bildung nichts wert ist. Für Frauen wie Mickey war die Entscheidung, Polizistin zu werden, der Weg heraus aus der Familie, obwohl sie lieber studiert hätte –
"Gearbeitet wurde mit dem Körper, mit den Händen. Das College war etwas für Träumer und Snobs."

Riskanter Weg

Doch Liz Moore entwickelt mit großem Feingefühl, wie sich die intelligente und wache Polizistin während der Suche nach ihrer Schwester mit ihrer Geschichte konfrontiert, statt ihr weiter aus dem Weg zu gehen und sich zu isolieren und zu überfordern. Sie geht dabei einen weiten und riskanten Weg, zurück zu den Männern, die in ihrem Leben wichtig waren, den Frauen wie ihre Großmutter Gee, die sie zu Härte und Selbstverleugnung erzogen, den Polizisten, die nicht immer gute Kollegen waren.
"Ich hasse die Vorstellung, dass ich ein 'Opfer' bin, in welcher Hinsicht auch immer. Ich hasse die Aufmerksamkeit, das Mitleid, die plötzlich leisen Töne. Mir wäre es generell lieber, dass niemand über mich redet, ganz gleich aus welchem Anlass."
Drogenabhängigkeit erscheint dabei als Familienschicksal, das zu durchbrechen sehr schwer sein kann. Wichtige Angelpunkte sind dabei die vielfältigen Möglichkeiten der Hilfe auch in den ärmsten Stadtteilen amerikanischer Großstädte, für die sich Menschen selbstlos engagieren. Da die Autorin die Balance zwischen der Jagd nach dem Frauenmörder, der offenbar aus den Reihen der Polizei stammt, und der persönlichen Entwicklungsgeschichte Mickey O’Briens geschickt hält, bleibt ihr Roman spannend und sorgt – mitunter fast im Übermaß - für überraschende Wendungen und Entwicklungen. Zugleich entsteht das Portrait einer zutiefst zerrütteten Gesellschaft, in einer Stadt, die mal zu den 'Kronjuwelen' des Kontinents gehörte.
(Lore Kleinert)

Liz Moore, *1983, war zunächst Musikerin in New York, dann erfolgreiche Autorin in Philadelphia

Liz Moore "Long Bright River"
aus dem Englischen übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Kriminalroman, C.H.Beck Verlag 2020, 414 Seiten, 24 Euro
eBook 17,99 Euro