Katja Bohnet
Fallen und sterben

"…sich umzubringen ist nicht einfach. Im Nachhinein kann ich sagen: Zu sterben, auf den Tod zu warten, bis er sich herablässt, dich zu holen, ist noch schlimmer. Du wehrst dich mit allem, was du hast. Aber der Tod kennt kein Mitleid. Nicht mal mit einem Kind."

 

Katja Bohnet, Fallen und Sterben. Thriller. Knaur TBBlutbad in Berlin

Was aus dem Kind wurde, das lieber gestorben wäre als zu überleben, enthüllt Katja Bohnets Thriller erst nach und nach. Mit dem Schicksal dreier verschwundener Kinder ist das grausige Attentat auf Berlins Alexanderplatz zwar verknüpft, doch zunächst ermitteln die Beamten des LKA in viele verschiedene Richtungen, denn während der Killer mit der Machete ein Blutbad anrichtet, findet in der Hauptstadt ein Kongress der Interpol statt. Hauptkommissarin Rosa Lopez sieht, wie wir es aus den drei vorigen Thrillern um sie und ihren Kollegen Viktor Saizew kennen, beherzt und genau auf das verwirrende Bild des Verbrechens:
"Der Tod zeigte sich hier als das, was man sonst vor den Menschen zu verbergen suchte. Als eine brutale, rohe Kraft. Als Fledderer, der seine Beute in Stücke riss. Die Morde am Alexanderplatz hatten etwas Animalisches. Ein Kriegsschauplatz mitten in Berlin."
Währenddessen macht Viktor Saizew, der sich zwar von einem Hirntumor erholt, dann aber seine Lebensgefährtin verloren hat und verzweifelt, in der geschlossenen Psychiatrie ebenfalls die Erfahrung, dass sich umzubringen nicht einfach ist.

Originell und spannend

Mit großem erzählerischen Geschick führt Katja Bohnet die Wege ihrer beiden ungewöhnlichen Ermittler zusammen, indem sie Rosa Lopez den Spuren folgen lässt, die sich nur ihr erschließen – und erst im vertrauten Zusammenspiel werden Muster deutlich. Die Energie, die sich aus den vielen unvorhergesehenen Wendungen ebenso wie aus den immer wieder wechselnden Konstellationen der Personen ergibt, treibt die Geschichte höchst originell und ungemein spannend voran. Zumal die Personen sorgfältig gezeichnet und auch ihre Probleme stets mit dem komplex angelegten Fall verzahnt sind. Rosa Lopez, sonst ein Fels des Pragmatismus in jeder Brandung, ist erschöpft, ihr Familienleben ruiniert, während Viktor auch diesmal wieder
"einer von denen war, die immer überlebten. Der wider jede Wahrscheinlichkeit immer die Kurve kriegte. Keiner wusste, wie er das machte, wie ihm das gelang. Am wenigsten Viktor selbst, den sein Überleben mehr als alles andere überraschte."

Gewagte Balanceakte

Er ist diesmal der Joker, den Rosa Lopez ziehen muss, wenn sie die Kraft verlässt und sich die Zusammenarbeit mit ihrer neuen Kollegin Mette Hansen als kompliziert und doppelbödig herausstellt. Die fast übermenschlichen Fähigkeiten des großen Russen bleiben in Katja Bohnets origineller Sprache, ihren trockenen Dialogen so glaubwürdig, wie es ihr Thriller-Kosmos verlangt. Während die gewagten Balanceakte, zu denen die beiden gezwungen sind, ständig in Abgründe zu kippen drohen, entwickeln sie im Zusammenspiel schwebende Leichtigkeit:
"Du bist flüchtig. Ich bin abgeschrieben." "Als hätten wir uns von solchen Kleinigkeiten jemals abhalten lassen." …Nachdenklich sah sie Viktor an. "Ich weiß noch nicht einmal, welchen Tag wir heute haben." Viktor überlegte, schien aber zu keinem Schluss zu kommen. Er sagte: "Zeit und Raum werden überschätzt."
Ein außergewöhnliches Spiel mit den Konventionen von Thrillern, und ein großes und intelligentes Lesevergnügen!
(Lore Kleinert)

Katja Bohnet, *1971, Studium der Philosophie, Moderatorin der ARD, Autorin

Katja Bohnet "Fallen und sterben"
Thriller, Knaur Taschenbuch, 364 Seiten, 14,99 Euro
eBook 12 Euro