Garry Disher
Hope Hill Drive

"Hirsch war schon viele Male auf dem Hope Hill Drive gewesen, vielleicht zweimal im Monat, wenn er seine weite Runde durch das trockene, abgelegene Schafsland machte. Hope Hill war keine Ortschaft und auch keine sonderliche Anhöhe; ganz gewiss jedoch gab es dort nicht viel Hoffnung."

 

Garry Disher, Hope Hill Drive. Kriminalroman, UnionsverlagMörderische Geschichte

Paul Hirschhausen, 'Hirsch', seit gut einem Jahr strafversetzter einziger Polizist in der südaustralischen Kleinstadt Tiverton, hat für den Jahreswechsel nur eine Hoffnung: Alles möge friedlich bleiben. Er hat Kontakte mit den Einwohnern geknüpft, kümmert sich um alte und behinderte Menschen und ist sogar bereit, als Weihnachtsmann die Kinder zu beglücken; seine Grundhaltung: ein freundliches "Okay" zu allem. Als Whistleblower in einer korrupten Einheit hatte er sich in der Polizeihierarchie kaum Freunde gemacht, doch auch der ländliche Friede ist trügerisch. Eine grausame Messerattacke auf die Ponys einer Farmerin lockt die Presse in den kleinen Ort. Ein Kleinkind muss Hirsch im heißen, australischen Dezember aus einem verschlossenen Auto befreien, und das Foto der Mutter, die sich auf Hope Hill Drive offenbar versteckt hält, landet im Internet – und setzt eine mörderische Geschichte in Gang.

Sterbende Hoffnungen

Garry Disher ist selbst in Südaustralien aufgewachsen, und er kennt die Geschichte der kleinen, inzwischen heruntergekommenen Orte gut: Redruth etwa,
"wo die Straßen nach Gemeinden im englischen Cornwall benannt waren. Alte steinerne Häuser und eine aufgelassene Kupfermine in den Falten von sieben kleinen Hügeln",
oder Mischance Creek, vor hundert Jahren eine winzige Ansiedlung, deren Ruinen wieder in der roten Erde versanken:
"Eine vom Tod geprägte Landschaft, fand Hirsch. Hoffnungen starben, Menschen starben. Mrs. Keirs 'Eingeborene', Kinder, Autofahrer, Goldsucher, Touristen und jene, die hinaus in das trockene Land wanderten, um nie wieder zurückzukommen. Hier draußen konnte ein Mord geschehen und unentdeckt bleiben, dachte er. Nirgendwo hier draußen ist es neutral. Die Landschaft ist aufgeladen, mitschuldig."

Kaltes Blei

Hirschs nüchterner Blick auf die Geschichte derer, die auf Australiens Goldfeldern reich wurden und sich riesige Ländereien sicherten, untermalt die Krimihandlung mit tieferem Verständnis für die, die nicht am Boom teilhatten. Mrs. Keirs "Eingeborene" gehörten dazu, und in einem uralten Tagebuch erfährt der Polizist vieles über die Kolonie, die die britischen Zuwanderer im 19. Jahrhundert im Süden Australiens gründeten:
"Daher zogen sich die Männer erst zurück, als sie viele Schwarze im Gras liegend zurückgelassen hatten. Wie schon seit Anbeginn der Zeiten bewiesen, sorgt ein wenig kaltes Blei recht bald für ein besseres Verständnis zwischen den Rassen."
(Geschichte der Keirville Station im Hundred of Whyte, der Kolonie in South Australia, von Mrs. Elizabeth Keir, 1. Bd 1839-1869)
Genaue Kenntnis der gewalttätigen Geschichte und ein mitfühlender Blick auf die Menschen, die nur als Gemeinschaft im abweisenden Outback des Kontinents überleben können, verleihen Dishers Kriminalroman Tiefenschärfe und Wärme. Sein aufmerksamer und freundlicher Polizist integriert sich in das einfache Leben, das hier möglich ist.

Steigende Spannung

Er hat einen scharfen Blick auf die gefährdeten Jugendlichen aus dysfunktionalen Familien ebenso wie auf seinen unangenehmen Nachbarn Martin Gwynne, einen geltungsbedürftigen und latent aggressiven Mann, der es auf ihn abgesehen hat.
"Deine eingebildeten, von Hass beförderten Kränkungen, dachte Hirsch. Deine scheußlichen kleinen Träume und Rachefeldzüge. Deine grässliche, kirchengängerische Boshaftigkeit."
Und auch die Korruption im Polizeiapparat holt ihn wieder ein – Disher hat aus unterschiedlichen Elementen einen dichten, detailreichen Plot mit etlichen überraschenden Wendungen und ständig steigender Spannung konstruiert. Dies und das Gespür seines Polizisten für Menschen und Orte, für Spannungen und Unterströmungen machen seinen zweiten Roman um Paul Hirschhausen zu einem erstklassigen Lesevergnügen.
(Lore Kleinert)

Garry Disher, *1949, aufgewachsen im ländlichen Südaustralien, schreibt Romane, Kurzgeschichten, Kriminalromane und Kinderbücher, lebt in der Nähe von Melbourne

Garry Disher "Hope Hill Drive"
aus dem Englischen von Peter Torberg
Kriminalroman, Unionsverlag 2020, 336 Seiten, 22 Euro
eBook 18,99 Euro

Weitere Buchtipps zu Garry Disher
"Kaltes Licht
"Leiser Tod"
"Bitter Wash Road"