Elizabeth Gilbert
City of Girls

Sie wolle ein Buch schreiben, sagte Elizabeth Gilbert, das wie ein Champagner-Cocktail wirkt, leicht und hell, spritzig und witzig. Das ist ihr durchaus gelungen, das schon einmal vorab, auch wenn es sich mit seinen 490 Seiten dann doch eher als Longdrink präsentiert.

 

Elizabeth Gilbert, City of Girls. Roman. FischerverlageVerlockungen der Metropole

Sich die Zeit dafür zu nehmen, lohnt sich: Die 89jährige Vivian erzählt ihre Geschichte, die im Sommer 1940 beginnt. Das renommierte Höhere-Töchter-College Vassar muss sie mangels Eignung verlassen und wird nach New York zu ihrer Tante Peg, einer unkonventionellen und einfallsreichen Frau verbannt, die ein heruntergekommenes Vaudeville-Theater mit Revuegirls leitet. Die Neunzehnjährige verfällt der Stadt, dem Theatervolk und all den neuen Verlockungen mit allen Sinnen, und der Blick der alt gewordenen Vivian, die ihre Geschichte der Tochter eines geliebten Freundes erzählt, ist ebenso lustvoll, gnädig und genau, bar jeder Sentimentalität.
"Wenn ich gewusst hätte, was ich nun weiß – nämlich, dass wir viele dieser wunderschönen jungen Männer auf den Schlachtfeldern Europas oder in den Infernos des Südpazifiks verlieren würden - hätte ich noch mit mehr von ihnen geschlafen."

Sturz aus dem Theaterhimmel

Die Moral, mit der sie aufgezogen wurde, streift sie im Handumdrehen ab, denn Menschen wie das Showgirl Celia Ray, die britische Schauspielerin Edna Parker-Watson mit ihrem schönen, aber grauenvoll dummen Gatten, und den Hollywood-Regisseur Billy Buell, mit dem ihre lesbische Tante noch immer verheiratet ist, hat sie noch nie erlebt. Am Zauber der Komödie "City of Girls", die alle zusammen auf die Beine stellen, ist sie direkt beteiligt, denn ihre Fähigkeit zu nähen und Kostüme zu entwerfen, macht sie zum wichtigen Mitglied der bunten Truppe, doch alle Exzesse machen die junge Frau nicht unbedingt erwachsener. Die Komödie kippt, als Lebenslust und Eifersucht zusammen mit Alkohol zum gefährlichen Gebräu werden. Um Vivian vor dem Skandal zu schützen, stürzt man sie umstandslos aus dem Theaterhimmel – und expediert sie zurück zu den Eltern. Eine Zeit "trüben, konturlosen Unglücks" beginnt, die – fast – in einer ungewollten Ehe mündet:
"Aber lass mich dir meine Herkunft erklären, Angela, falls du nie mit weißen, angelsächsischen Protestanten zu tun hattest. Du musst verstehen, dass es bei uns nur eine wichtige Regel gibt, und die lautet: Über diese Angelegenheit wird nie wieder gesprochen. Wir WASPs wenden diese Regel auf alles an – von einem peinlichen Moment beim Abendessen bis zum Selbstmord eines Familienmitglieds."

Kein braves Mädchen

Doch Elizabeth Gilbert lässt in ihrem dritten Roman Gnade walten, geschärft durch den kritischen Blick ihrer Protagonistin. Im letzten Drittel ihrer großen Erzählung findet Vivian zu sich selbst, natürlich in ihrer Stadt New York, die sie sich jetzt wirklich zu Eigen macht. Während der Kriegsjahre bringt sie in einer der 40 Kantinen im Brooklyn Navy Yard täglich zwei Programme auf die Bühne, um die erschöpften Arbeiter bei Laune zu halten, und nach dem Krieg, in dem auch ihr Bruder getötet wird, baut sie mit einer Freundin eine Hochzeitsboutique auf, höchst erfolgreich und als Garantie für ein selbstständiges Leben.
"Ich hätte den Rest meines Lebens damit verbringen können, anderen zu beweisen, dass ich ein braves Mädchen war – aber damit wäre ich meiner wahren Natur untreu geworden…Es kommt der Punkt im Leben einer Frau, an dem sie es leid ist, sich ständig nur zu schämen. Danach steht ihr frei zu werden, wer immer sie wirklich ist."

Gegen moralische Engstirnigkeit

Eine so unkonventionelle Person wie Vivian sie glaubwürdig verkörpert, lässt sich auch in ihrem sexuellen Begehren nicht einsperren, und ihre späte Liebesgeschichte mit dem im Krieg schwer verletzten und traumatisierten Frank ist einfühlsam und in ihrer Einmaligkeit schön entwickelt. Gilbert zeichnet vielschichtig und genau, wie es Frauen wie Vivian gelang, aus den Erwartungen, die mit Sex und Gender verbunden waren, auszubrechen und durch ihre Art zu leben Türen für die nachfolgenden Frauengenerationen zu öffnen - ein beredtes Plädoyer gegen moralische Engstirnigkeit und konservative Rückwärtsgewandtheit. Sie gewährt ihrer New Yorker Heldin die Freiheit, sich zu verändern und weiter zu entwickeln, und zugleich ist ihr Roman eine große Liebeserklärung an eine lebendige und sich immer wieder neu erfindende Stadt:
"New York ist eine Stadt mit Millionen Zentren. Das zu wissen machte es sogar noch magischer."
(Lore Kleinert)

Elizabeth Gilbert, *1969 in Connecticut/USA, Journalistin und Autorin,, lebt in New Jersey

Elizabeth Gilbert "City of Girls"
aus dem Amerikanischen von Britt Somann-Jung
Roman, S. Fischer 2020, 496 Seiten, 16,99 Euro eBook 14,99 Euro, AudioCD 15,45 Euro