Monique Truong
Sweetest Fruits

"Charlotte und ich wuchsen mit Dornengestrüpp-Geschichten auf, die voller Blätter waren und sich in alle Richtungen verzweigten. Wenn man in der Mitte angelangt war, bekam man zur Belohnung die saftigen Beeren, die süßesten Früchte."

 

Monique Truong, Sweetest Fruits. Roman, C.H. BeckEin zweites Leben

Alethea Foley war noch als Sklavin geboren worden, und als sie später als Köchin in Cincinnatti lebte, lernte sie den jungen Journalisten Lafcadio Patricio Hearn kennen, der für sie immer Pat hieß und ihr Ehemann wurde. Ihre Geschichten inspirierten ihn, ihre Art zu kochen weniger. 1869 hatte es ihn als Neunzehnjährigen, aus Irland eingewandert und nach einer Augenverletzung halbblind, nach New York verschlagen. In Cincinnatti verlor er seinen Job bei der Zeitung, als herauskam, dass er mit einer Farbigen zusammenlebte. Als er sich zunächst nach New Orleans absetzte, ließ er Alethea wissen, er sei gestorben. Dass er über Martinique nach Japan weitergewandert war, dort eine neue Ehefrau und vier Kinder hatte, erfuhr sie erst viel später, als sie ihre Geschichte der Biografin des berühmten Reiseschriftstellers Lafcadio Hearn erzählte.
"Pat und Lafcadio waren Zwillinge, die gleich aussahen, aber unterschiedliche Geschichten erzählten, unterschiedliche Wörter benutzten, unterschiedliches Essen aßen, unterschiedliche Straßen kannten, jeweils andere Kameraden fanden und die Lügen vergaßen, die sie sich erzählten."

Schönheit als Verhängnis

Monique Truongs Roman erzählt vom ungewöhnlichen Leben des Weltreisenden aus vier Frauenperspektiven, die ein schillerndes Bild ergeben: Was nach dem Ende der Liebe in der Erinnerung bleibt, kontrastiert die offiziellen Berichte, vor allem, wenn die unterschiedlichen Frauen ihr eigenes Leben, ihre Erfahrungen, Sehnsüchte und Verletzungen zur Sprache bringen. Hearns Mutter, Rosa Cassimati, brachte ihn als zweiten Sohn, Patricio, noch auf der griechisch-venezianischen Insel Lefkas zur Welt. Nachdem sie mit ihrem Mann, einem britischen Militärarzt, nach Dublin zog und ihr ältester Sohn starb, scheiterte die Ehe der jungen Frau, die nie die englische Sprache lernte. Als sie auf die Insel zurückkehrte, ließ sie den Jungen zurück. Im fiktiven, von Schuldgefühlen geprägten Brief an ihn wird die Abhängigkeit und Chancenlosigkeit der jungen Frau greifbar, deren Schönheit ihr zum Verhängnis wurde.
"Die Männer blicken uns nicht wegen unserer Worte an“, sagte sie, "sie betrachten uns wegen des Körpers, den Gott uns gegeben hat. Du kannst auch den Körper fließend sprechen lassen, Rosa, und das ist ebenso nützlich."

Zwischen den Kulturen

Die Worte aber, die Sprache ist es, die Lafcadio Hearns‘ Mutter ebenso wie seine beiden Ehefrauen in Truongs Roman für sich erobern, indem sie ihre Geschichte mit diesem außergewöhnlichen, begabten Mann erzählen. Der Wert, den sie für ihn hatten, bestand nicht nur darin, dass sie ihn mit ihrem Schicksal berührten und jede auf ihre Weise bereicherten. Monique Truong erschafft ein ebenso ehrliches wie widersprüchliches Bild eines aufmerksamen und sprachmächtigen Wanderers zwischen den Kulturen, indem sie die sozialen Einschränkungen durch Rasse, Klasse und Geschlecht durchspielt, die diese Frauen erlitten und jede für sich in sehr unterschiedlicher Weise reflektieren. Als Gegenpol unterlegt sie ihre Erzählungen mit Passagen aus dem 1906 veröffentlichten Lebensbericht der Biografin von Lafcadio Hearn, Elizabeth Bisland, deren Erinnerungen sich jedoch als subjektiv und interessengeleitet erweisen; auch sie hatte eine Beziehung mit ihm, auf Martinique.

Zwei Herzen

1890 ging Hearn als Sprachlehrer nach Japan und wurde ein bedeutender Mittler zwischen der europäischen und japanischen Kultur, der sich in Japan Koizumi Yakumo nannte und bis heute verehrt wird. Nach seinem Tod 1904 erinnert sich seine Witwe Koizumi Setsu, Tochter eines entmachteten Samurai, an das "innere Land", das vor allem sie dem Reisenden und Heimatsuchenden in ihrer Heimat eröffnete, mit Zuneigung, Mitgefühl und großer Würde.
"Ich rufe mir in Erinnerung, dass wir alle fähig sind, zwei Herzen zu haben. Selbst ich, Yakumo. Du hattest vielleicht noch mehr. Spät nachts, wenn die Welt still geworden ist, murmeln diese Herzen in fremden und vertrauten Sprachen. Bei Tageslicht gewinnt dasjenige Herz die Oberhand, das dem deinen am nächsten ist. Daraus spricht nicht der Trost einer sich gut zuredenden Ehefrau, sondern das, was sie aufrecht hält und vor dem Zerbrechen bewahrt."
Kunstvoll erschließt der Roman die Leerstellen, die immer unerzählt bleiben, weil sie in der offiziellen Geschichtsschreibung, als unwichtig erachtet, nicht zur Sprache kommen. Hearns literarischer Reichtum wird eingebunden in die Erinnerungen, ohne die er nicht entstanden wäre, und die Geschichten der Frauen, die ihn liebten, erwecken den Schriftsteller selbst zu ungewöhnlich farbigem und intensivem Leben.
(Lore Kleinert)

Monique Truong, *1968 in Saigon/Vietnam, hat mehrere Romane geschrieben und zahlreiche Literaturpreise erhalten, sie lebt in New York.

Monique Truong "Sweetest Fruits"
Aus dem Englischen übersetzt von Claudia Wenner
Roman, C.H. Beck Verlag 2020, 547 Seiten, 23 Euro
ebook 16,99 Euro