Niklas Maak
Technophoria

Utopie 1978: Wasser aus dem Mittelmeer soll in eine Senke in der Libyschen Wüste geleitet werden – unterirdisch. Dort gab es früher schon mal ein Meer. Seit 1963 wird an diesem Plan gearbeitet.

 

Niklas Maak, Technophoria. Roman, HanserWasser in die Wüste

"Die Libysche Wüste würde zu einem der reichsten Fischgründe der Welt werden, Tausende, die jetzt hungernd durch die Wüste irrten, hätten Arbeit als Fischer, eine ganze neue Industrie würde sich ansiedeln, Nordafrika zu einer Wohlstandsregion heranwachsen, zu einem neuen Markt auch für europäische Produkte ..."
Aber: Für die - atomare - Sprengung des notwendigen Kanals müsste die hundertfache Sprengladung von Hiroshima eingesetzt werden, "nur" unterirdisch.
Utopie 2019: Die Migration nach Europa könne zum Erliegen kommen, wenn ein Teil der libyschen Wüste geflutet würde, eine Senke mit Namen "Qattara Depression", sie
"würde das Herz einer der reichsten Wirtschaftszonen der Welt werden, die vom marokkanischen Atlantik bis nach Ägypten reicht, der massive Anstieg des Durschnittseinkommens den Terrorismus verdrängen."

Voll vernetzt und überwacht

Es gibt eine dritte, mit den Vorgängern verknüpfte Utopie in diesem Roman, dessen Titel die Euphorie für Technik bündelt, sprich: die Begeisterung für komplexe digitale Prozesse:
"Die erste vollvernetzte Smart City der Welt, ... in der alle Probleme der aktuellen Stadt gelöst werden sollten – keine Staus, keine Energieverschwendung, keine Kriminaliät, alles ökologisch und vernetzt ... die Krankenverscherung und die Versorgung, Essenslieferdienste, Schulen, alles, was früher der Staat machte ... überall Kameras und Bänke, die mit Sensoren Bewegungsprofile erstellten."
Selbst der Klimawandel wäre in einem solchen Überwachungsstaat kein Thema mehr.

Die Zukunft hat schon begonnen

In dieser Stadt würden autonome Autos den Verkehr bestimmen, Häuser, in denen Roboter alles übernehmen, was bislang von Menschen gemacht wurde. Turek arbeitet für die Firma, die in den Smart Cities die einzig mögliche Zukunft sieht, er ist Idealist, liebt alles, was digital machbar ist und bleibt doch ein Träumer, der lieber Porsche fährt. Sein Chef will mit einem ganzen Netzwerk von Smart Cities in Nordafrika Milliarden verdienen. Visionen von einer besseren Welt sind ihm fremd. Er glaubt,
"... dass zum ersten Mal die Technologie an einem Punkt angekommen war, wo sie fast alle Probleme lösen könnte, dass man sich an einem euphorischen Punkt der Weltgeschichte befinde."
Und Niklas Maak beschreibt diesen Punkt, führt uns eine Zukunft vor Augen, die längst begonnen hat: Smartphones, Smartwatches, Apps und Server lenken und kontrollieren uns, künstliche Intelligenz übernimmt menschliches Handeln, Datenschutz ist ein veralteter Begriff aus dem Anthropozän geworden, und Roboter lernen das Denken in einem Tempo, dass uns Hören und Sehen vergeht.

Herrschaft der Algorithmen

Aber es gibt dazwischen immer noch Menschen mit Ängsten, Hoffnungen, Sehnsüchten - störende Gefühle für Planer, die an "Technik wie andere an ein höheres Wesen glauben." Algorithmen haben die Herrschaft übernommen, der Mensch soll sich unterordnen – aber noch handelt er eigenverantwortlich und individuell.
"Technophoria" ist durchaus kein düsterer oder gar dystopischer Roman, sondern liest sich unterhaltsam, sogar komisch, wenn "Autos mit ihren Ladekabeln angeleint an ihren Ladesäulen wie Hunde vor dem Supermarkt" stehen, ein autonomes Auto abrupt stoppt, weil es "ein gelbes Plakat für einen Schulbus gehalten hatte, Buddhafiguren "die Präsenz von Menschen in den neuen posthumanen Datenspeicherwelten" markieren, und das "Innere riesiger Serverfarmen wie eine gigantische Metropole bei Nacht" aussieht. Davor steht Turek dann 
"mit dem gleichen Schauder, mit dem die Romantiker des frühen 19. Jahrhunderts ihre Berghöhen und Nebelmeere sahen: Die Serverfarm war schöner als der Dschungel ... schöner als Manhattan bei Nacht."

Posthumanes Zukunftsbild

“Technophoria” bündelt Zukunftsvisionen, die längst existieren, nur noch nicht "vollvernetzt" sind. Das jagt einem schon den einen oder anderen Schauer über den Rücken. Wer kein "Digital Native" ist, kommt bei all den Fakten, die der Autor verarbeitet, schon manchmal ins Schleudern – aber zum Glück gibt es auch noch Menschen, die nicht fremdbestimmt sind, NGOs, die sich für aussterbene Gorillas einsetzen, Leute, die in Ruanda Urlaub machen, und alte Hippies, die sich in einer ökofuturistischen Kommune ein Stück altmodischen Lebens bewahren wollen, ihre Liebesgeschichten und ambivalenten Gefühlslagen. Der Roman endet in einem unerwarteten und spannenden Showdown, der perfekt ins technophorische Zukunftsbild passt.

(Christiane Schwalbe)

Niklas Maak, *1972 in Hamburg, deutscher Autor und Redakteur im Feuilleton der FAZ für Kunst und Architektur, mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, lebt in Berlin

Niklas Maak "Technophoria"
Roman, Hanser Verlag 2020, 288 Seiten, 23 Euro
eBook 16,99 Euro