Avi Primor
Weit war der Himmel über Palästina

"Wir haben nichts gegen Templerdörfer oder die jüdischen Siedlungen, solange deren Entwicklung allen Einwohnern zugute kommt ... Wir sind alle gleich ... und zwar in allem."

 

Avi Primor, Weit war der Himmel über Palästina. Roman. Bastei-LübbeJahrzehnt des Aufbruchs

Das sagt der Kaufmann Mustafa Samara als treuer Untertan des Osmanischen Reiches. Gemeinsam mit Oswald Simon, Mitglied des protestantischen Templerordens und eingewandert aus Württemberg, und mit David Zemach, einem aus Odessa eingewanderten Juden und seiner Frau Neta, diskutiert Mustafa, wie man aus der abgelegenen und schwer zugänglichen Provinzstadt Jerusalem ein lebendiges Zentrum machen könnte. Der erste Schritt ist getan: Die drei Familien - Moslems, Juden, Christen - haben gemeinsam mit dem risikofreudigen Herausgeber der "Nachrichten für die jüdische Gemeinschaft" einen Kutschendienst zwischen Jerusalem und der Küstenstadt Jaffa eingerichtet. 1869 ein durchaus abenteuerliches Unterfangen. Zwanzig Jahre später wird bereits die Eisenbahn diese Strecke befahren. Jerusalem wächst und auch die jüdische Einwanderung nimmt zu.
"Jaffa wurde zu eng für die Juden, die sich in der vorwiegend arabischen Stadt niedergelassen hatten. Ein neues Stadtgebiet musste erschlossen werden."

Moderne Stadt

Die Jahrhundertwende bringt den Aufbruch in die Moderne und im Jahr 1909 wird schließlich die erste große Stadt gegründet – Tel Aviv. Es gab bereits die zionistische Bewegung und erste Konflikte, akribisch berichtet von der jüdischen Zeitung, die im Roman zum Spiegel des politischen Geschehens in Palästina und der Welt wird. Araber hatten die Dünen besetzt, auf denen Tel Aviv gebaut werden sollte:
"Was machen wir mit den Beduinen? Die fieberhaften Beratungen führten zu dem einstimmigen Beschluss, keine Gewalt gegen die Eindringlinge anzuwenden. Man hätte die mutigen Wächter der Pionierdörfer rufen können, doch das wäre keine Lösung gewesen. Jedes Blutvergießen würde der zionistischen Bewegung und der jüdischen Ansiedlung in Palästina unabsehbaren Schaden zufügen. Das Siedlungswerk durfte nicht auf der Basis einer Feindschaft zwischen Juden und Arabern entstehen."

Familienrituale

Avi Primor, von 1993 bis 1999 israelischer Botschafter in Deutschland, erzählt eine fiktive Geschichte, in der Glaubensfragen keine Rolle spielen. 1869 sind es Christen, Juden und Araber, die friedlich nebeneinander leben wollen, die Söhne und Töchter der drei Familie heiraten untereinander, bekommen wieder Kinder:
"Nach jüdischem Gesetz bin ich von einer jüdischen Mutter geboren und daher Jude, nach christlicherAuffassung bin ich Christ, da ich der Sohn eines christlichen Vaters bin. Ich bin Deutscher, weil mein Vater Deutscher ist, obwohl in meinem Pass steht, dass ich Palästinenser und britischer Untertan bin."
Über die Generationen hinweg verschwimmen die Abgrenzungen, dem jeweiligen Glauben wird mit unterschiedlicher Intensität gefolgt, Wein trinken alle gern, und die gemeinsamen Festmahle werden zum beliebten Ritual selbst in Krisenzeiten.

Friedliches Miteinander

Primors Roman schlägt einen großen Bogen von den ersten Kutschfahrten über die "Alijas", die jüdischen Einwanderungswellen, bis zum Ersten Weltkrieg, über die arabischen Aufstände, Theodor Herzls Zionismus und Martin Bubers Friedensbund bis hin zur britischen Herrschaft, zu Naziterror und zum Zweiten Weltkrieg. 1947 wird per UNO-Beschluss das britische Mandat über Palästina beendet und das Land geteilt. Damit endet auch das vom Autor beschriebene Miteinander in seiner Geschichte, die sich über fast ein Jahrhundert und drei Generationen erstreckt, die mit einer Fülle historischer Daten aufwartet, ohne zum Sachbuch zu werden.
Avi Primor, inzwischen 85 Jahre alt, erzählt leicht und heiter, wechselt die Perspektiven, stellt muslimische, christliche und jüdische Interpretationen des Geschehens stets neben- und nicht gegeneinander. In seiner Zeit als Diplomat und auch danach waren und sind ihm Verständigung und Dialog in Israel wichtig – zu Botschafterzeiten in Deutschland hat er sich damit nicht immer Freunde gemacht, schon gar nicht in der eigenen Regierung. "Weit war der Himmel über Palästina" ist beredter Ausdruck seines tiefen Wunsches nach einem friedlichen Miteinander in Israel.
(Christiane Schwalbe)

Avi Primor *1935 in Tel Aviv, 1993 bis 1999 israelischer Botschafter in Deutschland

Avi Primor "Weit war der Himmel über Palästina"
Roman, Bastei-Lübbe 2020, 336 Seiten, 22 Euro

Weiterer Buchtipp zu Avi Primor
Süß und ehrenvoll