Christine Wunnicke
Die Dame mit der bemalten Hand

"Man muss, wenn man gereist ist, zuhause davon erzählen." Diese Weisung hat Carsten Niebuhr aus dem Bremischen nach der Rückkehr von seiner acht Jahre währenden Reise noch immer im Ohr, ohne zu wissen, wer sie ihm gab und warum sie ihm so eindrücklich im Gedächtnis geblieben ist.

 

Christine Wunnicke, Die Dame mit der bemalten Hand, Berenberg VerlagBlinde Flecken

In ihrem Roman über eine Episode dieser Reise des Mathematikers und Kartographen Niebuhr spürt Christine Wunnicke den blinden Flecken nach, die in den späteren, akribischen Schilderungen mitteleuropäischer Forschungsreisender des wissbegierigen 18. Jahrhunderts, zu denen auch Niebuhr zählte, nicht zur Sprache kamen. Der boshafte Göttinger Professor Michaelis lässt keinen Zweifel, was er sich von Reisen erhofft, nämlich mehr über die Sitten fremder Länder zu erfahren:
"Es genügt nicht zu eruieren, welcher Linnäische Frosch und Heuschreck es nun im Einzelnen war, der das Land Ägypten plagte, wir wollen auch wissen, welchen Wert oder Unwert man ihm im Morgenland zumisst, heute und damals, was gänzlich dasselbe ist. Schlägt man ihn tot? Hat man ihn lieb? Ist er unrein? Verzehrt man ihn? Hält man ihn in Käfigen? Betet man ihn an? Gibt man ihn zum Brautgeschenk? Trägt man ihn, mumifiziert, als Schmuck um den Hals? Das, meine Herren, sind wichtige Fragen."

Tod durch Fieber

Der Roman versetzt Niebuhr, der mit vier anderen jungen Wissenschaftlern und einem Diener für eine Expedition nach Arabien und Indien auswählt wurde und als einziger überlebte, in eine missliche Lage: Er muss sich mit Sternkunde, Kartografie und Mathematik behelfen und ist auf einer einsamen Insel gelandet, deren Altertümer er vermessen will, in der Hoffnung, Bedeutsames, etwa eine Statue König Salomos zu finden. Seine Mitreisenden sind alle gestorben; selbst dem Tod durch Fieber nahe, wird er vom persischen Astrolabienbauer Musa al-Lahuri gerettet, der ebenfalls mit seinem Gefährten Malik auf Elephantia oder Gharapuri, wie man die Insel in Indien nennt, gestrandet ist.
"Es musste hier etwas geben, das besser war als dieser Strand. Ein Haus mit Menschen darin. Einen Ziegenhirten zur Ziege. Eine portugiesische Kirche. Einen Piratenschatz. Zumindest eine Aussicht. Gharapuri wölbte sich wie ein Schildkrötenpanzer, in der Mitte leicht eingekerbt. Dort oben, wenn man hinaufstieg, wäre man wenigstens oben und könnte herunterblicken. Das wäre vielleicht unterhaltsam."

Kulturelle Fremdheit

Und unerwartet unterhaltsam gestaltet sich das Zusammentreffen: Wie die beiden grundverschiedenen Männer ins Gespräch kommen, entfaltet Christine Wunnickes fein ziselierter Roman mit Eleganz – witzig und ungemein leichtfüßig hält sie die Annäherung in der Schwebe. Aus den sprachlichen Missverständnissen schlägt die Autorin blitzende Funken, ohne die kulturelle Fremdheit zwischen beiden der Lächerlichkeit preiszugeben. Immerhin teilen beide Männer das Wissen ihrer Zeit, zumindest können sie sich in aller Skepsis darüber verständigen. In einer Schlüsselszene des Romans, auf die auch sein Titel bezogen ist, verfliegt ihr Unmut über den jeweils anderen, wenn sie, nach einem angenehmen Mahl, die Sterne betrachten:
"Wir glotzen alle in denselben Himmel und sehen verschiedene Bilder." "'Glotzen ist kein schönes Wort", rügte Musa. "Ich meine 'glotzen'! Ich meine 'Hilflos, blöd und hoffnungslos schauen‘' Ich meine 'Affen des Mundes zu Markte tragen'! Wir glotzen nach oben und erfinden große Gestalten und hängen sie in den Himmel. Ich eine Frau und du eine Hand und was weiß ich, was andere sehen. Und dann gibt es Streit. Es ist zum Erbarmen!“ "Affen des Mundes?" "Das ist ein Ausdruck aus meiner Heimat und er übersetzt sich schlecht! Mein Arabisch ist nicht gut!" "Dein Arabisch ist gut und erstaunt mich."

Bruchstücke des Wissens

Was Wahrheit ist und welche Geschichten, die Musa dem jungen, fiebergeschüttelten Norddeutschen erzählt, gelogen sind, ist ein Motiv, das den kurzen Austausch auf der geheimnisvollen Insel begleitet, bis ein englisches Schiff eintrifft. Es steht für etwas viel Größeres: Das Wissen übereinander ist trügerisch, denn schon die Fragen evozieren bestimmte Antworten, und was nicht gefragt werden kann, bleibt im Dunkeln. Der Boden des Wissens ist schwankend, und nur ganz allmählich fügen sich Bruchstücke zusammen und bieten die Möglichkeit, mehr zu erkennen, sich aufeinander zuzubewegen, zu verstehen – oder sich nachhaltig zu verfehlen. Musa wird, alt geworden, im Gespräch mit seiner Tochter Niebuhrs Buch über seine Reise nach Arabien für noch dümmer als das lateinische 'Traktat über Würmer' halten, und Niebuhr erschauert bei der Erinnerung an Persepolis, dessen Inschriften er kopierte, ohne zu wissen, was sie bedeuten. Auf die Etappe der Reise, als er Musa auf der Insel begegnete, blickt er zurück
"wie durch eine trübe Linse. Wäre Mayer noch hier, könnte man ihm davon erzählen. Ich hatte so hohes Fieber, könnte man Mayer erzählen, dass ich den halben Teil des Wegs verpasste, denn ich war wie im Traum und verstand nicht, wie mir geschah."
(Lore Kleinert)

Christine Wunnicke, *1966 in München, freie Autorin von Radiofeatures, Hörspielen und Romanen, bereits zum dritten Mal auf der Longlist für den deutschen Buchpreis, lebt in München

Christine Wunnicke "Die Dame mit der bemalten Hand"
Roman, Berenberg Verlag 2020, 168 Seiten, 22,00 Euro
eBook 16,99 Euro