Zsusza Bánk
Sterben im Sommer

"Für uns geht in diesen Sommertagen etwas zu Ende, die Krankheit schneidet durch unser Leben, der Tod schneidet schon durch unser Leben, etwas müssen wir loslassen, in dieser sich weiterdrehenden Welt müssen wir etwas verlassen und hergeben."

 

Zsusza Bánk , Sterben im Sommer. Roman, S.Fischer VerlagMut zum freien Denken

Noch einmal ist die Autorin mit ihrem Vater an den Ort vieler Familienurlaube gefahren, das Sommerhaus in Ungarn, dem Land, aus dem ihre Eltern 1956 nach Deutschland flüchteten. Doch die Rückkehr seiner Krebskrankheit erzwingt eine lange, mühsame Rückfahrt, von einem Krankenhaus ins nächste, bis schließlich im Klinikum von Höchst sein langsames Sterben beginnt. Zsusza Bánk erzählt davon,
"wie die Krankheit nicht nur ihn, sondern unsere Dinge des Alltags auflöste und mitnahm, sie wegfraß und nichts anderes, keinen Ersatz, keine Tauschware, keinen Trost für uns bereitstellte."
Das ist so genau erfasst, so voller Trauer und Verzweiflung, dass es einem die Tränen in die Augen treibt, und zugleich gelingt es der Schriftstellerin, ihren Vater lebendig werden zu lassen: als einen Mann, der seiner Familie den Mut zum freien Denken mitgab, der freundlich, weltläufig und klug war und begabt für Liebe und Mitgefühl.
"Er hat uns geerdet, aber auch davonflattern lassen. Er hat die Länder und Kontinente für uns zusammengehalten, die Brücken für uns gebaut, die Sprachen für uns gesprochen, wenn wir nicht weiterkamen. Das Leben ohne ihn müssen wir erst noch erfinden."

Hilfloser Zorn

Bis zuletzt ist es ihm wichtiger, seinen klaren Verstand zu bewahren als seine Schmerzen zu betäuben, und bis zuletzt ist in diesem heißen Sommer immer ein Mitglied seiner Familie bei ihm, denn niemand kann sich vorstellen, wie ein Leben ohne ihn weitergehen könnte. Die Welt seiner Jugend im ländlichen Ungarn und in Budapest hat er seinen Kindern im neuen Land mit vielen Geschichten nahegebracht, ebenso wie das Wissen darum, dass es immer einen Entscheidungsspielraum gibt, auch wenn er unter einer Diktatur sehr klein, "ameisenklein" sei, und doch über Leben und Tod entscheiden könne. Wie schwer es ist, den Tod dieses geliebten Vaters wirklich zu begreifen und hinzunehmen, erzählt Zsuzsa Bánk in kunstvollen Schleifen, die alle Gesten des Abschieds beleuchten, alle notwendigen Schritte, die getan werden müssen. Dennoch können sie nicht verhindern, dass der Schmerz, das Weinen, der hilflose Zorn immer wieder zurückkehren.
"An wen richte ich meine Wut? Schicksal, Himmel, Gott? Eine Zuteilungsstelle für Krankheitsverläufe und Lebenslängen? Wer hört meine Beschwerde, nimmt sie auf?"

Begrenzte Zeit

Was mit uns geschieht, wenn der Tod einen geliebten Menschen aus unserem Leben reißt, geht in diesem Text in mehrfacher Hinsicht unter die Haut: Die Autorin schildert nicht nur die kleinen, alltäglichen Eingriffe des Sterbens in das Leben selbst, den Alltag, der weitergeht und dennoch die Farbe wechselt. Was sie vermisst, ist das Lachen des Vaters, sein glückliches Gesicht, das Reden mit ihm, die Selbstverständlichkeit, und auch nach einem ganzen Jahr muss die Familie feststellen, dass sie gerade erst begonnen hat, einzusehen, dass es ihn nicht mehr gibt. Zsuzsa Bánk reflektiert zugleich über das, was mit der Erinnerung geschieht, was unzerstörbar scheint und sich doch unter der Zumutung der begrenzten Zeit entzieht und verändert. Wenn die Wunden verheilt sind, melden sich die Narben zurück, und die Schriftstellerin lässt am Beginn und am Ende ihrer klugen und sprachlich wunderbar komponierten Elegie über ihren Vater das Bild von den Toten aufleuchten, die mit uns sind:
"Wir reden über die Toten, sie gehören in unsere Sätze, sie sitzen mit uns im Garten, auf der Terrasse, am Tisch, vor der Suppenschüssel, dem Korb mit den aufgeschnittenen weißen Brot, sie fordern uns auf, so, nun redet von uns, lasst nicht nach, hört nicht auf. Die Toten sind nie tot."
(Lore Kleinert)

Zsuzsa Bánk, *1965, Studium der Publizistik, Politikwissenschaft und Literatur, mehrfach ausgezeichnete Autorin, lebt in Frankfurt am Main.

Zsusza Bánk "Sterben im Sommer"
S. Fischer Verlag 2020, 240 Seiten, 22 Euro
eBook 18,99 Euro, AudioCD 17,17 Euro